Satzmodus

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Definition

Der Begriff Satzmodus (m., pl. Satzmodi) ist eine Bezeichnung für die Modalität von Sätzen.

Kommentar

Nach E. Stenius (1967) hat jeder Satz zwei semantische Aspekte, ein Satzradikal und einen Modus. Das Satzradikal ist der wahrheitsfunktionale Inhalt eines Satzes, seine Proposition, und lässt sich in einer wahrheitswertfunktionalen Semantik erfassen, der Modus eines Satzes zeigt den Typ des Sprechaktes an und ist im Rahmen bestimmter Sprachspiele beschreibbar.

In den meisten Sprachen bilden Deklarative, Interrogative (Fragesatz) und Direktive (Imperativ) den Kernbestand der Satzmodi, zu welchem weitere Satzmodi wie Exklamativ (Exklamativsatz), Optativ und Imprekativ (Flüche, Beleidigungen) hinzukommen.

Grob gesagt ist der deklarative Satzmodus Wahrheitswertbeurteilungen zugänglich (z.B. Du bist dumm.); der interrogative drückt eine Wissenslücke über einen Sachverhalt aus (z.B. Bist du dumm?, Wer ist dumm?); der direktive Satzmodus drückt einen Wunsch des Sprechers über die Realisierung eines Sachverhaltes aus (z.B. Sei nicht dumm!); der exklamative Satzmodus drückt eine emotionale Einstellung des Sprechers über einen als zutreffend aufgefassten Sachverhalt aus (z.B. Bist du dumm!, Dass du so dumm bist!).

Der Satzmodus wird aus der Interaktion morphologischer Faktoren (insbesondere Verbformen, z.B. Kommst du morgen! vs. Kämest du morgen (doch)! vs. Komm (du) morgen doch!), syntaktischer Faktoren (insbesondere der Stellung des finiten Verbs, z.B. Kommst du morgen vs. Du kommst morgen.) und phonologisch-phonetischer Faktoren (z.B. Akzenttypen, Akzentverteilung, Tonhöhen-Verlauf (z.B. Du kommst morgen! vs. Du kommst morgen?) mit unterschiedlichen lexikalischen Mitteln (z.B. Fragewörtern, Satzadverbien, Modalpartikeln (z.B. Du kommst morgen! vs. Du kommst morgen ja/doch/wirklich!) konstituiert.

Auch satzähnliche Formen mit spezifischer Struktur können auf ein bestimmtes modales Bedeutungsspektrum festgelegt sein, z.B. Dass du wohl kommst!, Du und gewinnen!, In den Müll mit dem Dreck!

Ziel der sprachwissenschaftlichen Diskussion um den Satzmodus ist die Entwicklung von Theorien, die sowohl die verschiedenen formalen Aspekte der Satzmoduskonstitution als auch die Semantik und Pragmatik (Sprechereinstellungen; Illokutionen) der Satzmodi und ihre Abgrenzung zu emotionalen Bedeutungsaspekten und Kategorien wie Evidentialität (vgl. Quotativ) oder Höflichkeit in kohärenter und Einzelsprachen übergreifender Weise darzustellen gestatten.

Als problematisch erweisen sich in formaler Hinsicht besonders sog. explizite Performative (z.B. Ich befehle dir hiermit still zu sein!, vgl. Brandt et al. (1989)) und Nebensätze (z.B. Fallegger (2005)).

Im Rahmen der Generativen Semantik der 1970er Jahre wurde der Satzmodus mittels Merkmalen eines tiefenstrukturell angenommenen Verbs (z.B. [±performativ, ±deklarativ, ±imperativ]) oder durch performative Hypersätze (z.B. [Ich befehle dir:[komm her]]) als syntaktisch-semantisches Phänomen beschrieben (vgl. z.B. McCawley (1985)).

In neueren Arbeiten der GG wird der Satzmodus häufig als eine Funktionale Kategorie gedeutet, deren Projektion zu einer Modusphrase (z.B. ForceP oder MP als Projektion einer Funktionalen Kategorie Force bzw. M) führt, welche die höchste Projektion eines Satzes bildet und somit die jeweilige Proposition in ihrem Skopus hat (vgl. z.B. Zimmermann (2004; 2007) für eine entsprechende Darstellung der Syntax und Semantik der Diskurspartikeln).

Verweis

Links

  • Satzmodus in Norbert Fries, Online Lexikon Linguistik

Literatur

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  • B. Clark, Relevance Theory and the Semantics of Non-Declaratives. Diss. Middlesex Univ. London 1991.
  • L. G. Fallegger, Satzmodus in eingebetteten Sätzen. Philologie im Netz 2005/31, 1-13.
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vgl. [5]

  • – Ders., Discourse Particles in the Left Periphery. In B. Shaer, W. Frey & C. Maienborn (Hg.),

ZASPiL 35, 543-566. [6]

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