Höflichkeit

From Glottopedia
Jump to: navigation, search
FORMAT


Es gibt verschiedenste Arten, Höflichkeit auszudrücken. Die Höflichkeit bezeichnet im Allgemeinen eine Verhaltensweise, die Rücksicht und Respekt vor dem Adressaten ausdrücken soll. Sie dient dabei auch dazu, bestimmte soziale Verhaltensweisen, Muster und Konventionen einzuhalten. Sie sind wichtig für den alltäglichen Umgang miteinander in einer Sprachgemeinschaft. Sie dient sozusagen als Pufferkissen, das vieles ermöglicht und erleichtert, aber im Gegensatz zur Freundlichkeit immer noch eine gewisse Distanz zwischen Adressat und Sprecher wahren soll. In jeder Kultur gibt es eigene Höflichkeitsregeln die zu beachten sind. Wer gegen sie verstößt, wird häufig als grob und allgemeine soziale Normen verletzend angesehen. Höflichkeit kann sowohl verbal als auch nonverbal ausgedrückt werden, sowohl schriftlich als auch mündlich. Die Wahrung von Distanz und Konfliktvermeidung stellen besonders starke Motive dar, aber auch, z. B. in asiatischen Sprachen wie dem Koreanischen, Ehrerbietung, Bescheidenheit und Solidarität.

In der Höflichkeitsforschung ist häufig ein sozialer und sprachlicher Phänomenbereich erkennbar. Aus der sozialen Perspektive stellt sie ein wichtiges System von Verhaltens-und Handlungsnormen dar, und hängt oft zusammen mit ähnlichen Begriffen wie Etikette, Anstand, Sitte, Brauch, Gepflogenheit u.ä. (vgl. Gehling/Voß/Wohlgemuth 2006: 458)

Die sprachliche Höflichkeit zeichnet sich durch einen „angemessenen Sprachgebrauch aus, verbunden üblicherweise mit einer reibungslosen und unproblematischen Kommunikation. Wir gebrauchen Sprache, um eine angemessene Interaktion zwischen Sprechenden, Hörenden, Zuhörenden und Referenten herzustellen. Sprachliche Höflichkeit: Sprachgebrauch, der reibungslose Kommunikation erlaubt. Beim Sprechen denken wir an den zu übermittelnden Inhalt und gleichzeitig an geeignete Formulierungen, die eine Äußerung einem bestimmten situativen Kontext anpasst. Eine angemessene Sprechweise ermöglicht reibungslose Kommunikation. Dies kann über Strategien erfolgen, die ein Sprecher gezielt einsetzt, damit seine Äußerungen vom Adressaten wohlwollend rezipiert werden und andererseits indem der Sprecher die erwarteten und vorgeschriebenen Normen der verwendeten Sprache berücksichtigt.“ (Felderer 2002) Solche typischen Strategien können im Deutschen und in anderen Sprachen beispielsweise die Verwendung von „Bitte“ und „Danke“ sein, sowie die Verwendung des Konjunktivs, die Wahl der Anredeformen „du“ und „Sie“, die Wahl des Vornamens und Nachnamens und Titels, die Verwendung des Konjunktivs, des Imperfekts der Höflichkeit sowie der Gebrauch von Modal- oder Abtönungspartikeln.


Grammatikalisierte Höflichkeit:

Ein großer Unterschied in Bezug auf den Ausdruck von Höflichkeit in den verschiedenen Sprachen besteht darin, dass die Höflichkeit in einigen Sprachen stark grammatikalisiert ist. Dies ist beispielsweise vor allem bei Sprachen im asiatischen Raum der Fall. Während in europäischen Sprachen wie z. B. dem Deutschen, Englischen oder Französischen häufig bestimmte Kategorien eingesetzt werden um Höflichkeit auszudrücken ( z. B. durch den Gebrauch von Titeln und Ehrentiteln in der Anrede, der lexikalischen Substitution durch Euphemismen oder Umschreibungen, oder den Gebrauch von Modalpartikeln und Diskursmarkern), finden sich in z. B. asiatischen Sprachen häufig die eigene Kategorie „Respekt“, und mehr gebundenen Formen, wie z. B. eigene höflichkeitsbezogene Hilfsverben. In einigen Sprachen, wie dem Japanischen, findet sich somit eine weitere Kategorie, neben den auch im europäischen Sprachraum gebräuchlichen Kategorien Tempus, Aspekt und Modus. Beispiele für diese Kategorie sind Präsätze, Adverbien und Partikel, Modusgebrauch zur Abschwächung, und fast wörtliche Wiederholungen. (vgl. Haase 1994)


Höflichkeit in der Linguistik:

Im Bereich der Linguistik lässt sich die sprachliche Höflichkeit in mehreren Teilgebieten einordnen und erforschen. Einige von ihnen sind: Theorie sprachlichen Handelns, Stilistik, Lexikographie , Grammatik, Sprachgeschichte, und (als sehr wichtiger Teilbereich) die Pragmatik , vor allem in Bezug auf indirekte Sprechakte und Sprechhandlungen. Die von Levinson und Browne (1979) entwickelte Theorie der Höflichkeit spielt dabei eine besonders große Rolle. Ihnen zufolge gibt es bestimmte Prinzipien der Höflichkeit, die universell gültig sind, da auch die Höflichkeit selbst als universelles Phänomen betrachtet wird. Dieses Konzept beruht auf den Arbeiten von Goffman zu Face-work, dem Wahren des (öffentlichen) Gesichts oder Images. Die Höflichkeit ist ein Mittel, um diese Wahrung des Gesichts zu realisieren. Laut diesem Konzept kann jemand ein positives Gesicht („positive face“) oder ein negatives Gesicht („negative face“) haben. Das positive Gesicht drückt das Bedürfnis nach einem Gemeinschaftsgefühl aus, das negative Gesicht hingegen das Bedürfnis nach Individualität und Handlungsfreiheit. Bestimmte Sprechakte können das jeweilige Gesicht bedrohen. Sie heißen demnach „face-threatening acts“ (FTA). Diese können offenkundig („on record“), ganz offenkundig („bald on record“) oder nicht offenkundig („off record“) sein, je nachdem , ob die Sprechakte eindeutig, direkt und unmissverständlich oder ganz indirekt sind. Um das positive oder negative Gesicht zu wahren,und gesichtsbedrohende Sprechhandlungen für den Sprecher oder für den Adressaten zu vermeiden, kann ein Sachverhalt mit positiver Höflichkeit (das positive Gesicht wahrend) oder negativer Höflichkeit (das negative Gesicht wahrend) ausgedrückt werden. Somit stellt die Wahrung des Gesichts seitens des Sprechers als auch des Adressaten eine wichtige Grundlage für den Ausdruck von Höflichkeit dar. (Vgl. W1)

In Bezug auf die Imagebewahrung ist zudem anzumerken, dass auch hier ein Unterschied zwischen den westlichen und den östlichen Kulturen erkennbar ist: Im Westen ist vielmehr die Bewahrung des negativen Gesichts von Bedeutung . In asiatischen Kulturen sind eher die sozialen Beziehungen wichtig, sowie den sozialen Status der Gesprächspartner zu erkennen und zu bewahren, und soziale Konventionen im Auge zu behalten (hier ist stets die Gemeinschaft wichtiger als das Individuum, im Gegensatz zum starken Individualismus in den westlichen Kulturen), was sich auch in der Wahl der Höflichkeitsstrategien niederschlägt.

Sprachbeispiele für grammatikalisierte Höflichkeit:

Japanisch:

Häufig verwendet, um Höflichkeit auszudrücken, werden z. B. formale Redewendungen, Honorativpräfixe, Anredesuffixe, Pronomina, sowie verschiedene Verbformen. Die Gruppenzugehörigkeit und die Kennzeichnung dessen, wer von höherem oder niedrigem sozialen Rang ist, ist von großer Bedeutung.


O- namae wa nanto ossyai masu ka?

Höfl.präfix Name Topikalisierung wie sagen (höfl. Form) Aux.verb (höfl. Form Adressat) Frage

„Wie sagen Sie ist Ihr Name?“

(Felderer 2002:254)


Eine Art, Höflichkeit auszudrücken, ist die Verwendung des Hilfsverbs masu. Dieses drückt nur Respekt vor dem Adressaten aus, ist jedoch semantisch leer:


Watakusi wa kaeri-masi-ta. (Lewin 1959:159)

1.Sg. TOP zurückkehr-RESP-PRT

„Ich bin gekommen“. (eigentl. „zurückgekehrt“) (Haase 1994:45)



Koreanisch:

Eine Besonderheit , die es im Deutschen nicht gibt, sind die eigenen Kategorie der Honorifica. Sie werden in bestimmten Kombinationen obligatorisch verwendet. Indirekte Sprechakte werden nicht sehr häufig verwendet. Wichtige Aspekte sind Ehrerbietung und Bescheidenheit, Solidarität, und Konfliktvermeidung. Das Distanzwahrungsprinzip ist hier weniger wichtig.


Beispiel für die Verwendung des Partikels –si in der Verbalphrase:


Coysonghapnita. Taumey naylyeva hanuntey com pikhye cwu- si- kessupnikka?

"Entschuldigung (Hon.) an der nächsten (Haltestelle) aussteigen müssen bitte zur Seite treten Hon. Werden (Int.) (Hon.)?

„Entschuldigung, ich muss an der nächsten Haltestellte aussteigen. Würden Sie bitte zur Seite treten?“ (Cho 2005:51)


Beispiel für die Verwendung von Ja-und Nein-Antwortpartikeln Yey/ney, ung, ani und aniyo/anipnita:


A: catongcha tunglokcung-un issciyo?

Auto Fahrzeugpapiere-Nom. Sein (Int.) (Hon.)?

„Sie haben aber die Fahrzeugpapiere des Autos, oder?“

B: yey, yeki issupnita.

Ja (Hon.), hier sein (Ind.) (Hon.).

„Ja, hier sind sie“. (Cho 2005:56)


Ebenfalls häufig eingesetzt werden Partikel für den Ausdruck von Verwandtschaftsbeziehungen:, z.B. emma-„Mutti“, enni-„ältere Schwester“ oder hyeng-„älterer Bruder“ (Cho 2005:50)


Beispiel für die Verwendung des Titels des Kommunikationspartners, z.B. des Partikels–nim für den Chef:


Sacang-nim! Malssum tulil kkey iss-nunteyyo

Chef-Hon.! Worte (Hon.) um zu geben etwas sein-Ind. (Hon.)

„Herr Chef! Ich muss Ihnen etwas sagen.“ (Cho 2005: 51)


Chinesisch:

Im Chinesischen können Höflichkeitspartikel verwendet werden, um Respekt auszudrücken. Sie haben ihren Ursprung und ihre Grundlage im Wertesystem der Zuweisung von Yin und Yang. Yin-Partikel behält sich der Sprecher selbst vor, während der Adressat mit Yang-Partikeln bedacht wird. Die Yin-Partikel sind dabei negativ belegt (gering, dumm, niedrig, arm, klein), die Yang-Partikel positiv (edel, weise, groß, hoch). Sie verändern jedoch die inhaltliche Bedeutung des Gesagten nicht.

Beispiel für einen höflichen Sprechakt im Chinesischen:


Nin gui xing?

2.Pers.Pers.Pron. Ehrenwerter Familienname

(Höfliche Form) (höfliche Form)

„(Wie ist) Ihr ehrenwerter Familienname?“ (Felderer 2002:254)




Literaturverzeichnis:

Cho, Yongkil (2005): Grammatik und Höflichkeit im Sprachvergleich. Direktive Handlungsbeispiele des Bittens, Aufforders und Anweisens im Deutschen und Koreanischen. Tübingen: Max Niemeyer Verlag.

Felderer, Brigitte/ Macho, Thomas (Hrsg.) (2002): Höflichkeit. Aktualität und Genese von Umgangsformen. München: Wilhelm Fink Verlag.

Gehling, Thomas/ Voß, Viola/ Wohlgemuth, Jan (Hrsg.) (2006): Einblicke in Sprache. Festschrift für Clemens-Peter Herbermann zum 65. Geburtstag. Berlin: Logos Verlag.

Haase, Martin (1994): Respekt: Die Grammatikalisierung von Höflichkeit. München: Lincom Europa.

Lüger, Heinz-Helmut (Hrsg.) (2001): Höflichkeitsstile. Frankfurt am Main: Peter Lang.

Schulze, Rainer (1985): Höflichkeit im Englischen. Tübingen: Gunter Narr Verlag.


Internetquellen:

W1: TU Berlin. Online verfügbar unter: http://fak1-alt.kgw.tu-berlin.de/call/linguistiktutorien/pragmatik/pragmatik%20k7.html

W2: HU Berlin. Online verfügbar unter: http://www2.hu-berlin.de/linguistik/institut/syntax/krakau2006/beitraege/ankenbrand.pdf

W3: Duden. Online verfügbar unter: http://www.duden.de/sprachwissen/sprachratgeber/hoefliche-aufforderungen

W4: Goethe-Institut. Online verfügbar unter: http://www.goethe.de/ins/us/lp/prj/tod/der/spr/de6370073.htm

W5: Wikipedia Höflichkeit. Online verfügbar unter: http://de.wikipedia.org/wiki/H%C3%B6flichkeit

W6: Wikipedia Höflichkeitsform. Online verfügbar unter: http://de.wikipedia.org/wiki/H%C3%B6flichkeitsform