Wissensverarbeitung (textlinguistisch)

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Wissensverarbeitung bezieht sich in der Textlinguistik auf die Gesamtheit der Prozesse in der Textproduktion und -rezeption, durch die im Langzeitgedächtnis gespeicherte Kenntnisse aktiviert und zu Textinformationen in Beziehung gesetzt werden, so dass neu organisierte (integrierte) kognitive Strukturen entstehen (können).

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Durch Berücksichtigung von Forschungsergebnissen der Kognitionswissenschaften, besonders der Kognitiven Psychologie, bleiben textlinguistische Untersuchungen immer weniger auf den Text selbst beschränkt, sondern werden häufig auf Prozesse der Wissensverarbeitung in der Produktion und Rezeption von Texten ausgedehnt.

Teile des im Langzeitgedächtnis gespeicherten Wissens können durch Impulse oder Fragen, die von Situationen, Aufgabenstellungen und Texten ausgehen, aktiviert werden. Klix sieht eine Grundfunktion des menschlichen Gedächtnisses darin, dass es Fragen beantworten kann, indem es Wissen bereitstellt oder dazu anregt, Fremdgedächtnisse zu benutzen (Klix 1984: 9 f). Die Aktivierung des entsprechenden Wissens kann nach Klix entweder unmittelbar angeregt werden oder mittelbar über Suchprozesse durch Vergleichen (mit dem Feststellen von Gemeinsamkeiten, Unterschieden, Ähnlichkeiten), durch Schließen und Inferieren; bei komplexen kognitiven Prozeduren sei eine Kombination beider Aktivierungsarten anzunehmen (11, 68 f).

In der Textrezeption kann die Aktivierung des (im Langzeitgedächtnis gespeicherten) Wissens durch verschiedene Textelemente, z. B. durch Propositionen, aber auch durch einzelne Ausdrücke ausgelöst werden, vorausgesetzt, Aufmerksamkeit, Interesse und Motivation ermöglichen diese Aktivierungen.

  • Jeder Verstehensprozess setzt [. . .] Hörer-Aktivitäten voraus, erweist sich somit als aktiver fortlaufender Konstruktionsprozess (nicht nur als Re-Konstruktionsprozess) des Hörers, bei dem die durch einen Text in seinem Bewusstsein aktivierten Bedeutungseinheiten mit zusätzlichen Wissenselementen aus einem bei ihm gleichfalls aktivierten globalen Muster verknüpft werden; in der Regel wird ein Text erst auf der Grundlage eines solchen komplexen Konstruktionsprozesses wirklich verstanden (Heinemann & Viehweger 1991: 74).

Teile des (Vor-)Wissens werden nicht nur durch explizite Textinformationen aktiviert, sondern auch durch Implizites. Linke und Nussbaumer (2000) erklären, dass der größte Teil des Textes (als Sinnkomplex) implizit ist. Sie unterscheiden bei den Konzepten des Impliziten konventionell festgelegtes Implizites (z. B. Präsuppositionen) von verwendungsvariablem Impliziten (z. B. Konversationsimplikaturen). Linke und Nussbaumer bezeichnen Implizitheit als textsortenspezifisches Merkmal und weisen auf Unterschiede z. B. zwischen lyrischen und Gesetzestexten hin, aber auch auf implizite Informationen in Arbeitszeugnissen. Eine Aktivierung des Vorwissens, die bei impliziten Textinformationen nicht unmittelbar ausgelöst wird, kann hier durch Suchprozesse angeregt werden.

Für die Textproduktion muss in der Planung, in der sprachlich-linearen Realisierung und bei der Überarbeitung Wissen unterschiedlicher Art aktiviert werden (Handlungswissen, Sprachwissen, Sachwissen) (vgl. Heinemann & Viehweger 1991: 93 ff, 113). Das geschieht in der mündlichen Sprachverwendung relativ spontan und weniger reflektiert als bei schriftlichen Texten. Wenn hier während der (vorläufigen globalen und endgültigen detaillierten) Planung eines kohärenten Textes Wissenslücken entdeckt werden, muss entschieden werden, ob bzw. wie diese gefüllt werden können (z. T. auch durch Nutzung von Fremdgedächtnissen, vgl. Klix 1984: 9 f).

Entscheidungsprozesse bei der Auswahl und Anordnung des (verarbeiteten) Sachwissens sind in der Textproduktion eng verknüpft mit der Verarbeitung des Sprachwissens (bis hin zu Formulierungsentscheidungen) und mit der Verarbeitung des Handlungswissens (z. B. bei der Berücksichtigung antizipierter Adressaten).

Eine tatsächliche Verarbeitung des Wissens ist erst dann erreicht, wenn (bei Berücksichtigung globaler Textmuster) das Endprodukt Text in der thematisch oder inhaltlichen Entwicklung eigene Antworten der Schreibenden auf selbstgestellte Fragen gibt (und nicht nur aus einer Aneinanderreihung des Wissens aus Fremdgedächtnissen besteht); das gilt für die Produktion wissenschaftlicher Texte in stärkerem Ausmaß als z. B. für Geschäftsbriefe.

In der Textproduktion können (wie in der Textrezeption) durch Aktivierung und Verarbeitung vorhandenen (und über Fragen ergänzten) Wissens neue Wissensstrukturen gebildet werden.

Siehe auch

inferieren, rezeptive Textverarbeitung, Textproduktion, Wissen, Wissenssysteme, Konzept, Schema, Rahmen, mentale Textrepräsentation

Link

Eva Schoenke, Textlinguistik-Glossar

Literatur

  • Heinemann, Wolfgang & Dieter Viehweger. 1991. Textlinguistik. Eine Einführung (= Reihe Germanistische Linguistik 115). Tübingen: Niemeyer.
  • Klix, Friedhart. 1984. Über Wissensrepräsentation im menschlichen Gedächtnis. In: Klix, Friedhart (Hrsg.). Gedächtnis - Wissen - Wissensnutzung. Berlin: VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften: 9-73.
  • Linke, Angelika & Nussbaumer, Markus. 2000. Konzepte des Impliziten: Präsuppositionen und Implikaturen. In Text- und Gesprächslinguistik / Linguistics of Text and Conversation. Ein internationales Handbuch zeitgenössischer Forschung / An International Handbook of Contemporary Research 1. Halbbd. / Volume 1. Brinker, Klaus u. a. (Hrsg.), 435-448.