Rezeptive Textverarbeitung

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Definition

Der Begriff rezeptive Textverarbeitung bezeichnet die Gesamtheit der intentions- und interessengeleiteten kognitiven Aktivitäten bei der Integration von Vorwissen und Textinformationen.

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Die Verwendung des Terminus Textverarbeitung signalisiert in der Regel, dass in den entsprechenden Überlegungen zur Textrezeption Ergebnisse kognitionswissenschaftlicher Untersuchungen berücksichtigt werden.

  • Der Begriff der Textverarbeitung bezieht sich auf all jene kognitiven Vorgänge, die an der Aufnahme, Transformation, Organisation, Speicherung, Reaktivierung und Reproduktion von Textinformationen beteiligt sind (Christmann 2000: 113).

Mit dem Terminus Textverarbeitung wird der gesamte Komplex kognitiver Prozeduren und Aktivitäten bezeichnet, durch die in einem interessen-, erwartungs- und intentionsgeleiteten Prozess Textinformationen und das Vorwissen der Rezipienten so integriert werden, dass eine kohärente mentale Textrepräsentation aufgebaut werden kann. Durch Textinformationen werden Teile des im Langzeitgedächtnis (in Schemata bzw. Rahmen und Skripts) gespeicherten Vorwissens aktiviert und in der Textverarbeitung zu den Textinformationen in Beziehung gesetzt. Dabei werden inferierend Schlussfolgerungen gezogen und Implikaturen erschlossen, um sinnvolle Zusammenhänge herzustellen.

  • Im Verstehensprozess baut der Rezipient Relationen zwischen den im Satz oder Text genannten Einheiten und Ereignissen auf, indem er auf sein im LZG gespeichertes Weltwissen zurückgreift (Schwarz 1992a: 154).

Nicht explizit formulierte oder mehrdeutige Informationen werden inferentiell erschlossen. Nach Schwarz machen Inferenzen die Herstellung plausibler Zusammenhänge aufgrund des Alltagswissens möglich (Schwarz 1992a: 155).

In den kognitiven Prozessen der Textverarbeitung wird durch Inferieren Kohärenz hergestellt, wird der dem Text zugrundeliegende Sinn und werden Intentionen der Sprecher bzw. Schreiber erschlossen. (Aufgrund von Intentionen und Erwartungen der Textrezipienten kann es auch zu Projektionen auf Textinhalte kommen.)

Beaugrande & Dressler weisen darauf hin, dass bei der Aufnahme von Texten in einen mentalen Arbeitsraum, den Aktiven Speicher (des Gedächtnisses) Relationen und Konzepte aktiviert werden (Beaugrande & Dressler 1981: 93).

  • Bei der Rezeption ermöglicht es Aktivierungverbreitung, ausführliche Assoziationen zu bilden, Voraussagen zu treffen, Hypothesen aufzustellen, gedankliche Vorstellungen zu entfalten usw., all dies freilich weit über die expliziten Aussagen des Oberflächentextes hinaus (Beaugrande & Dressler 1981: 93).
  • Grundsätzlich kann das Verbinden von aktivierten Konzepten und Relationen als Problemlösung angesehen werden (99).

In ihrem komplexen Strategiemodell (zur Rezeption schriftlicher Texte) beschreiben van Dijk & Kintsch eine gezielte zyklische Textverarbeitung, deren Prozesse parallel auf mehreren lokalen und auf der globalen Ebene ablaufen (van Dijk & Kintsch 1983). Ziel der Textverstehensstrategie ist danach die Herstellung der lokalen und globalen Kohärenz und der Textbasis, bestehend aus den Propositionen eines Textes und deren Relationen (van Dijk & Kintsch 1983: 11). Ihre Propositionsanalyse (Kintsch & van Dijk 1978) ergänzen van Dijk & Kintsch 1983 u. a. um das Situationsmodell, das auf der Grundlage des durch Erfahrungen erworbenen Wissens die Vorstellung einer Siuation ermöglicht, in der das Textgeschehen ablaufen könne (Kintsch & van Dijk 1978: 37 ff).

Für Schnotz handelt es sich bei dem Situationsmodell um ein mentales Modell des im Text beschriebenen Sachverhalts, das durch Integration der Textinformation mit dem bereits vorhandenen Sachwissen des Lesers gebildet wird (Schnotz 1988: 306). Mentale Modelle (Johnson-Laird 1983) enthalten Leerstellen, die im Verlauf der Rezeption durch Textinformationen oder Inferenzen gefüllt werden (vgl. Schnotz 1988: 307).

Nach Bußmann werden Prozesse der Textverarbeitung von verschiedenen Richtungen her beeinflusst oder gelenkt:

  • vom Text her (als »textgeleitete« oder »aufsteigende« Textverarbeitung),
  • vom in Schemata gespeicherten Vorwissen der Hörer bzw. Leser aus (als »schemageleitete« oder »absteigende« Textverarbeitung),
  • vom Interesse und von den Intentionen der Hörer bzw. Leser und ihrem Verständnis der Situation (Bußmann 199O: 783).

Schnotz unterscheidet die textgeleitete Verarbeitungssteuerung (Schnotz 2000: 499 f) von der lesergeleiteten Verarbeitungssteuerung (Schnotz 2000: 501).

Nach Lewandowski ist die Textverarbeitung ein Prozess der Informationsverarbeitung: das Verstehen, Behalten und Erinnern von Texten; das Zusammenfassen, Vergleichen und Kommentieren von Texten; der Erwerb und die Neustrukturierung von Wissen sowie das Lösen von Problemen mit Hilfe textueller Information (Lewandowski 1990: 1178). Als konstruktiv hebt Lewandowski die Textverarbeitung besonders in folgenden kognitiven Prozessen hervor: im Ziehen von Inferenzen, im Selektieren, Konkretisieren, Generalisieren, Erweitern, Zusammenfassen [. . .] von Textinhalten (1178).

Der Versuch, eine mentale Textrepräsentation aufzubauen, setzt bereits zu Beginn der Rezeption ein, vorläufige Ergebnisse der Textverarbeitung werden dann im weiteren Verlauf der Rezeption modifiziert bzw. revidiert. Coseriu erklärt, dass das Verstehen eines Textes von der Erwartung des Rezipienten abhängig sei und sich auf den Text insgesamt richte; der Anfang eines Textes werde besser verstanden, wenn man den Schluss kennt (Coseriu 1980: 202).

Erhöhte kognitive Anstrengungen in der rezeptiven Textverarbeitung sind nach Lubimova-Bekman dann notwendig, wenn große inhaltliche Abstände zwischen den Propositionen bestehen und / oder das Hauptthema des Textes nur als eine Kombination von Nebenthemen realisiert wird und nur aus diesen erschlossen werden kann (Lubimova-Bekman 2001).

Siehe auch

inferieren, Wissen, Wissensverarbeitung, Wissenssysteme, Kohärenz, mentale Textrepräsentation, Textwelt, Textbasis, Propositionsanalyse, Strategiemodell, Schema, Konzept, Rahmen, Skript, prozeduraler Ansatz, Textmuster, Textmusterwissen, Hyperproposition

Links

Literatur

  • de Beaugrande, Robert-Alain & Dressler, Wolfgang Ulrich. 1981. Einführung in die Textlinguistik (= Konzepte der Sprach- und Literaturwissenschaft 28). Tübingen: Niemeyer.
  • Bußmann, Hadumod. 1990. Lexikon der Sprachwissenschaft. 2. Auflage. Stuttgart: Kröner. (1. Auflage 1983).
  • Christmann, Ursula. 2000. Aspekte der Textverarbeitungsforschung. In Text- und Gesprächslinguistik / Linguistics of Text and Conversation. Ein internationales Handbuch zeitgenössischer Forschung / An International Handbook of Contemporary Research 1. Halbbd. / Volume 1. Brinker, Klaus u. a. (Hrsg.), 113-122.
  • Coseriu, Eugenio. 1980. Textlinguistik. Eine Einführung (= Tübinger Beiträge zur Linguistik 109). Tübingen: Narr.
  • van Dijk, Teun A. & Kintsch, Walter. 1983. Strategies of Discourse Comprehension. New York/London: Academic Press.
  • Johnson-Laird, Philip Nicholas. 1983. Mental Models. Towards a Cognitive Science of Language, Inference, and Consciousness. Cambridge: Cambridge University Press.
  • Kintsch, Walter & van Dijk, Teun A.. 1978. Toward a Model of Text Comprehension and Production. In Psychological Review 85/78, 363-394.
  • Lewandowski, Theodor. 1990. Linguistisches Wörterbuch 1-3 (= UTB 1518). 5. Auflage. Heidelberg/Wiesbaden: Quelle & Meyer. (1. Auflage 1973).
  • Lubimova-Bekman, Lada. 2001. Rezeption von Aphorismen: eine textlinguistische Studie. Berlin: Erich Schmidt Verlag.
  • Schnotz, Wolfgang. 1988. Textverstehen als Aufbau mentaler Modelle. In: Mandl, Heinz, Hans Spada (Hrsg.) Wissenspsychologie: 299-330.
  • Schnotz, Wolfgang. 2000. Das Verstehen schriftlicher Texte als Prozess. In: Brinker, Klaus u. a. (Hrsg.): 497-506.
  • Schwarz, Monika. 1992. Einführung in die Kognitive Linguistik (= UTB 1636). Tübingen: Francke.