Textgrammatik

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Der Begriff Textgrammatik bezieht sich erstens auf den Bereich der Textlinguistik, in dem die sprachstrukturellen (semantisch-syntaktischen) Strukturen von Texten untersucht werden; zweitens auf die Beschreibung semantisch-syntaktischer Strukturen auf allen sprachlichen Ebenen, ausgehend von der textuellen Einbettung und Bedingtheit sprachstruktureller Einzelphänomene.

Kommentare

In der Regel bezieht sich der Begriff Textgrammatik auf Textstrukturen und rein textstrukturelle Phänomene (Textgrammatik im engeren Sinne); manchmal wird der Terminus Textgrammatik jedoch auch verwendet, wenn die Beschreibung sprachlicher Strukturen auf den verschiedenen Ebenen von ihrem Vorkommen in Texten abgeleitet und an Texten oder Textabschnitten nachgewiesen wird (Textgrammatik in einem weiteren Sinne).

Zu 1. Textgrammatik im engeren Sinne

Nach Moskalskaja sind die Untersuchungsobjekte der Textgrammatik die transphrastische Einheit (der Mikrotext) und der Gesamttext (Moskalskaja 1984 (1981): 17). Ein großer Teil der textgrammatischen Untersuchungen bezieht sich auf satzgrenzenüberschreitende semantisch-syntaktische Beziehungen in benachbarten Sätzen; globale Textstrukturen und Textsegmente größeren Umfangs, Textgliederungen und Abschnittsübergänge sind einem rein grammatischen Zugriff schwerer zugänglich. Nach Moskalskaja lässt sich der Gesamttext grundsätzlich nicht grammatisch beschreiben, auch wenn grammatische Merkmale zu seiner ganzheitlichen Strukturierung gehören [. . .]" (Moskalskaja 1984 (1981): 16).

Durch transphrastische Untersuchungen wird in der Anfangsphase der textlinguistischen Entwicklung die Satzgrammatik auf eine Satzsequenzgrammatik ausgedehnt. Auf der Satzebene nicht erklärbare sprachstrukturelle Phänomene (z. B. die Verwendung von Proformen und konjunktiven Elementen) veranlassen dazu, syntaktisch-semantische Verknüpfungen benachbarter Sätze zu untersuchen (Heidolph 1966, Isenberg 1974 (1971)). Häufig von satzgrammatischen Modellen (besonders der Generativen Transformationsgrammatik) ausgehend, wird versucht, Kriterien für die Wohlgeformtheit von Texten zu entwickeln und eine abstrakte Grammatik und ein Lexikon zu formulieren. Das Generieren eines Textes erklärt van Dijk durch bestimmte Operationen; dabei geht er von Tiefenstrukturen der Texte aus (van Dijk 1972), die er später als Makrostrukturen bezeichnet (van Dijk 1980 a, 1980 b).

Harweg untersucht die pronominale Verkettung benachbarter Sätze (Harweg 1968: 148). Mit dem Begriff Kohäsion wird die satzgrenzenüberschreitende semantisch-syntaktische Verknüpftheit sprachlicher Ausdrücke (und Propositionen) im Text bezeichnet (Hasan 1968, Halliday & Hasan 1976); Halliday und Hasan führen als Haupttypen der Kohäsion Konjunktionen, Referenz, lexikalische Kohäsion und Substitution an (Halliday & Hasan 1976: 324).

In die vom Textganzen ausgehenden textgrammatischen Überlegungen (globale Strukturen, Textgliederung in Teiltexte, Konstituierung von Übergängen, textsortenspezifische Strukturen) werden thematisch-inhaltliche Zusammenhänge einbezogen, und es werden auch textpragmatische Aspekte berücksichtigt.

Moskalskaja weist in ihrer Textgrammatik darauf hin, dass die Texttypologie und die Textkomposition, die Übereinstimmung zwischen den sprachlichen Mitteln und der Textsorte zu den Untersuchungen des Textganzen gehören (Moskalskaja 1984: 17).

Brinker nennt als grammatische Bedingungen der Textkohärenz:

o die explizite Wiederaufnahme durch referenzidentische sprachliche Ausdrücke (Brinker 1992: 26 ff),

o die impliziteWiederaufnahme aufgrund semantischer Beziehungen (Kontiguität) zwischen nicht-referenzidentischen sprachlichen Ausdrücken (34 ff).

Brinker weist auf den engen Zusammenhang von grammatischen und thematischen Strukturen hin: Die grammatische Verknüpfungsstruktur, insbesondere die Wiederaufnahmestruktur fungiert [. . .] als Trägerstruktur für die thematischen Zusammenhänge des Textes, d. h. sie verweist auf eine andere (´tiefere´) Schicht, die wir als ´thematische Textstruktur´ bezeichnen (Brinker 1992: 41).


Zu 2. Textgrammatik in einem weiteren Sinne

Der Terminus Textgrammatik wird manchmal bei der Beschreibung textuell bedingter Strukturen auf anderen sprachlichen Ebenen (unterhalb der Textebene) angewandt, z. B. auf der Satzebene (Halliday 1985: 32 ff), auf der Morphemebene (Dressler 1985), auf der Phonemebene bzw. hinsichtlich der Intonation im Text (Brazil 1985).

Weinrich dehnt den Begriff Textgrammatik auf die Beschreibung textuell eingebetteter und textuell erklärbarer Strukturen auf den verschiedenen sprachlichen Ebenen aus: Diese Grammatik versteht die Phänomene der Sprache von Texten her, da eine natürliche Sprache nur in Texten gebraucht wird (Weinrich 1993: 17). Bei der Darlegung der methodischen Grundlagen für textgrammatische Beschreibungen stellt Weinrich die Prinzipien TEXT und DIALOG anderen Prinzipien voran (17 f). Grundeinheit der linguistischen Beschreibung ist [. . .] die KOMMUNIKATIVE DYADE, [. . .]." (18) Textgrammatik ist für Weinrich "gleichzeitig eine DIALOGGRAMMATIK (18).

In der Syntax des Dialogs beschreibt Weinrich z. B. die Sprachzeichen des Dialogkontakts (Weinrich 1993: 819 ff), der Affirmation und Negation (861 ff), der Frage und Antwort (878 ff) und Signale der Redewiedergabe (895 ff). Weinrich versteht die von ihm verfasste Textgrammatik als streng pragmatische Grammatik bzw. als INSTRUKTIONSGRAMMATIK (18).

Nach dem Prinzip Instruktion geben für Weinrich Sprachzeichen ANWEISUNGEN, wie ein Text verstanden werden soll (Weinrich 1993: 18).

Nach dem Prinzip Merkmal kann jeder grammatische Begriff durch die spezifische Verbindung SEMANTISCHER MERKMALE definiert werden (Weinrich 1993: 19), von denen Weinrich 30 Oppositionspaare anführt, denen jeweils ein neutrales Merkmal beigeordnet ist (1081 ff).

  • Die semantischen Merkmale sind Bausteine der Grammatik. Sie stellen einfache (»atomare«) Anweisungen dar, die der Sprecher dem Hörer im Sprachspiel erteilt [. . .] (1081). So ist z. B. bei der Opposition (BEKANNT) vs. (UNBEKANNT) das neutrale Merkmal (REFERENZ) (Weinrich 1993: 1083).

Durch das semantische Merkmal (BEKANNT) wird die Anweisung gegeben, nach Vorinformation zu suchen. So hat z. B. der anaphorische oder bestimmte Artikel der, die, das nach Weinrich neben dem Merkmal (BESTIMMBAR) auch das semantische Merkmal (BEKANNT); durch seine Verwendung wird die Anweisung gegeben, nach Vorinformation zu suchen (Weinrich 1993: 410).

Nach Weinrich beruht Textualität weitgehend auf Klammerbildungen im Text (Weinrich 1993: 23).

  • Eine TEXTKLAMMER besteht zwischen einem klammereröffnenden und einem klammerschließenden Element, zwischen denen maximal so viele andere Sprachzeichen Platz finden können, wie das Kontextgedächtnis jeweils speichern kann (23). Weinrich unterscheidet drei Klammerausdrücke:

o die Verbalklammer (z. B. habe . . . gearbeitet, geht . . . aus),

o die Nominalklammer (z. B. ein . . . Dorf, die . . . Stadt),

o die Adjunktklammer (z. B. weil . . . kommt, was . . . geschieht).

  • Alle Formen der Textklammer bauen beim Hörer mit dem klammereröffnenden Sprachzeichen eine Erwartung auf, die erst mit dem klammerschließenden Sprachzeichen erfüllt wird (23)

Siehe auch

textintern, Textgliederung, Transphrastik, Kohäsion, Wiederaufnahme, Kontiguität, Textkonstitution, Textkonstituenten, Proform, Textphorik

Link

Eva Schoenke, Textlinguistik-Glossar

Literatur

  • Brinker, Klaus. 1992. Textlinguistik. Heidelberg: Groos.
  • van Dijk, Teun A. 1972. Some Aspects of Text Grammars. A Study in Theoretical Linguistics and Poetics. The Hague/Paris: Mouton.
  • van Dijk, Teun A. 1980a. Macrostructures. An Interdisciplinary Study of Global Structures in Discourse, Interaction, and Cognition. Hillsdale N. J.: Erlbaum.
  • van Dijk, Teun A.. 1980b. Textwissenschaft. Eine interdisziplinäre Einführung. Tübingen: Niemeyer. (niederländisch 1978. Tekstwetenschap. Een interdisciplinaire inleiding. Utrecht/Antwerpen: Het Spectrum).
  • Dressler, Wolfgang. 1985. Morphology. In Handbook of Discourse Analysis 1-4. van Dijk,Teun A. (ed.), 76-86.
  • Halliday, Michael Alexander Kirkwood. 1985. Dimensions of Discourse Analysis: Grammar. In Handbook of Discourse Analysis 2. van Dijk, Teun A. (ed.), 29-56. London/New York.
  • Halliday, Michael Alexander Kirkwood & Hasan, Ruqaiya. 1976. Cohesion in English (= English Language Series 9). London: Longman.
  • Harweg, Roland. 1968. Die Rundfunknachrichten. Versuch einer texttypologischen Einordnung. Poetica 2, 1-14.
  • Hasan, Ruqaiya. 1968. Grammatical Cohesion in Spoken and Written English. London: Longman.
  • Heidolph, Karl-Erich. 1966. Kontextbeziehungen zwischen Sätzen in einer generativen Grammatik. In Kybernetika 2/66, 274-281.
  • Isenberg, Horst. 1974. Überlegungen zur Texttheorie. In Lektürekolleg zur Textlinguistik. Kallmeyer, Werner u. a. (Hrsg.), Bd. 2: 193-212.
  • Moskalskaja, Olga Ivanovna. 1984. Textgrammatik. Leipzig: Bibliographisches Institut. (russisch 1981. Grammatika teksta. Moskau: Wysschaja Schkola).
  • Weinrich, Harald. 1993. Textgrammatik der deutschen Sprache. Mannheim/Leipzig/Wien/Zürich: Dudenverlag.