Mentalismus

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Mentalismus ist eine Denkrichtung, die davon ausgeht, dass bestimmte bzw. alle Phänomene der wahrnehmbaren Wirklichkeit nur mittels Modellen über Denkprozesse beschrieben und erklärt werden können.

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Der Mentalismus grenzt sich nach zwei Seiten ab: Erstens gilt es, die mentalen Strukturen selbst zu analysieren und nicht nur ihre Auswirkungen in Form von beobachtbaren Verhaltensweisen, insofern letztere nur eine Wirkung u. a. von mentalen Prozessen sind.

Zweitens interessiert sich der Mentalismus weniger für die physikalischen und chemischen Prozesse, die den kognitiven Strukturen möglicherweise zugrunde liegen, sondern analysiert mentale Strukturen mittels kognitiver Begrifflichkeiten.

Für moderne Grammatiktheorien spielt der Mentalismus insofern eine wesentliche Rolle, als sich mehrere neuere Grammatik-Konzeptionen nicht auf die Beschreibung von beobachtbaren sprachlichen Erscheinungen, sondern auf die Ermittlung und systematische Erfassung der geistigen Fähigkeiten und abstrakten Regularitäten konzentrieren, welche als dem beobachtbaren Sprechverhalten zugrundeliegend postuliert werden. Erst die linguistische Wende” konnte nach Habermas (1999) mit dem Mentalismus auch das Erkenntnismodell der Widerspiegelung der Natur überwinden, da hiernach die Sprache nicht die Welt abbildet, sondern unseren Umgang mit der erlebten Welt.

Als bahnbrechend für eine dem Mentalismus verpflichtete Konzeption sprachtheoretische Zielsetzung ist N. Chomsky anzusehen, der sich mit der Theorie der GG als einem Modell zur Erfassung der Kompetenz (Kompetenz vs. Performanz) eines Idealen Sprecher-Hörers insbesondere gegen die strukturalistische und behavioristische Sprachbeschreibungsauffassung L. Bloomfields und B. F. Skinners (Behaviorismus) wendet (Chomsky 1959), welche den Objektbereich Sprache auf wahrnehmbare Fakten beschränkt und dementsprechend lediglich Oberflächenphänomene beschreiben kann.

Unter der Voraussetzung, dass diejenige Theorie die bessere ist, die den größeren Bereich von Fakten systematisierend erfassen kann, ist eine mentalistische Sprachtheorie einer strukturalistisch-taxonomischen überlegen, weil erstere zwar alle Fakten erfassen kann, die die letztere beschreibt, dies jedoch nicht umgekehrt gilt (Bewertungsprozedur; vgl. Katz (1964)).

Mit seinem Rückgriff auf die rationalistischen Positionen von R. Descartes (1596–1650) und W. v. Humboldt (1767–1835) vertritt N. Chomsky zudem eine Auffassung, die als mentalistischer Nativismus bezeichnet werden kann (Latein natus 'geboren'; auch: Innatismus) und im Gegensatz zum Empirismus davon ausgeht, dass mehr oder weniger große Bereiche kognitiver Strukturen genetisch determiniert sind (sog. angeborene Ideen): Demnach soll ein genetisch determinierter, humanspezifischer Spracherwerbsmechanismus (Language Acquisition Device, LAD) sprachliche Kompetenz herausbilden und den natürlichen Spracherwerb erklären.

Das Potential für Einzelsprachen wird durch die als genetisch determiniert angesehene Universalgrammatik (UG) bereit gestellt. Die UG besteht aus linguistischen Universalien, welche die Regularitäten und Strukturen der Grammatiken aller möglichen menschlichen Sprachen spezifizieren, sowie aus Strategien, um mit Hilfe von Inputdaten der Umwelt (primary linguistic data) die für die jeweilige Einzelsprache passenden Strukturen aus diesen Universalien herauszufiltern; im Rahmen der REST und Rektions-Bindungs-Theorie übernehmen sog. Parameter, d. h. Variablen in Regeln und Beschränkungen, entsprechende Filterfunktionen (Parametermodell; vgl. z. B. Pro-Drop-Parameter).

In neueren Arbeiten im Rahmen des Minimalismus unterscheidet Chomsky zwischen einer Sprachfähigkeit 'in weiterem Sinn' (faculty of languagebroad sense, FLB) und 'in engerem Sinn' (faculty of languagenarrow sense, FLN): Die autonome FLN (Autonomieprinzip) ist selbst ein Modul der FLB und umfasst im Wesentlichen die Fähigkeit zur Erzeugung rekursiver syntaktischer Strukturen auf der Basis einer endlichen Menge diskreter Formen (vgl. Hauser et al. (2002); zur krititischen Stellungnahme vgl. Pinker & Jackendoff (2005)); die FLB umfasst neben der FLN ein motorisch-sensorisches und ein konzeptuell-intentionales System.

Charakteristisch für den Menschen bleibt jedoch auch nach dieser Auffassung, dass jedes Kind mit einem Schema für mögliche Grammatiken genetisch ausgestattet ist; ein System kognitiver Prozesse ermöglicht ihm, auf der Basis lückenhafter primary linguistic data Hypothesen über grammatische Strukturen und schließlich eine Grammatik über die betreffende(n) (Mutter-) Sprache(n) zu bilden. So begründet sich im Rahmen der Theorie der GG zugleich die Auffassung, dass Fakten aus dem Spracherwerb in die Bewertungsprozedur über sprachliche Theorien in Form des Anspruchs auf Erklärungsadäquatheit (Adäquatheit) einbezogen werden können.

Ursprung

Latein mens 'Verstand', 'Geist'

Siehe auch

Autonomieprinzip

Sprachgene

Link

Mentalismus in Norbert Fries, Online Lexikon Linguistik

Literatur

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Andere Sprachen

Englisch mentalism