Sprachpflege

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Die erste Phase der Sprachpflege: Das 17. Jahrhundert

Der Beginn der Sprachpflege ist im 17. Jahrhundert zu verzeichnen. Dafür gibt es hat zwei Hauptgründe: Zum einen entstanden in dieser Zeit ein Bewusstsein und eine Wertschätzung für die eigene Sprache. Hatte man sich vorher an anderen europäischen Sprachen orientiert, galt das Deutsche jetzt ebenfalls als „erstrebenswert“. Aus diesem veränderte Selbstverständnis folgten auch der Wunsch und die Bemühungen, die deutsche Sprache auf dieselbe Ebene wie die anderen europäischen Sprachen zu heben, zum Beispiel durch Forcierung einer nationalsprachlichen Literatur. Zum anderen war Deutsch die „Sprache der Protestanten“. Das deutsch-exklusive Phänomen des Protestantismus griff auf die „Volkssprache“ zurück, in die die Bibel und Lieder übersetzt wurden. Die Etablierung von und das Bewusstsein für deutsche Sprache erhielten so einen zusätzlichen Schub.

All diese Entwicklungen hin zu einem bewussten Umgang mit der deutschen Sprache konnten aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass "Deutsch" immer noch eine kleine Bedeutung hatte – selbst im eigenen Land. Es gab keine allumfassende Nationalsprache. Im Gegenteil, wenn man unter Nationalsprache eine vereinheitliche Sprache verstand, wäre Latein die erste Wahl gewesen. Deutsch hatte einen anderen Ruf: Es war die Vorbildsprache der Gelehrten und der Dichter. Diese begannen ihre oben genannten Überlegungen zur Sprachpflege aus einer einfachen Sorge heraus: Der französische Hof war im 17. Jahrhundert das kulturelle Zentrum Europas. Er hatte eine Vorbildfunktion, von der jeder versuchte, möglichst viele Aspekte zu übernehmen. Daher war die Übernahme französischer Wörter in das Deutsche keine Seltenheit. Viele Gelehrte sahen hierin eine Gefahr der „Verdrängung“ der deutschen Sprache, die sich noch verschlimmerte, als der Dreißigjährige Krieg ausbrach und große Massen an Menschen und somit auch Sprachen sich in Europa zu vermischen begannen.

Die bewusste Organisation der deutschen Sprache wurde versuchsweise von Martin Opitz mit seinem „Buch von der Deutschen Poeterey“ übernommen. Er war aber nur einer von vielen, der die deutsche Sprache als schützenswert erachtete. Schon 1617 war die „Fruchtbringende Gesellschaft“ von Fürst Ludwig von Anhalt-Köthen in Weimar gegründet worden (auch „Palmenorden“ genannt). Bis in die Mitte des 17. Jahrhunderts war die Gesellschaft wenig produktiv, im Zuge der oben genannten „Sprachmengerei“ aber entstand in der Gesellschaft die sogenannte „Spracharbeit“, die mit folgenden Zielen definiert wurde:

  1. Deutsche Sprache erhalten, frei von Einfluss (Sprachreinheit)
  2. Sprachschönheit (sowohl im Sprechen als auch im Schreiben)
  3. Sprachrichtigkeit (Versuch von Normierung und Kodifizierung)
  4. Wörterbuch
  5. Fachwörterbuch
  6. Gute Übersetzungen

Die "Fruchtbringende Gesellschaft" kann stellvertretend für viele Sprachgesellschaften dieser Zeit gesehen werden, wie zum Beispiel die „Deutschgesinnte Genossenschaft“ oder der „Pegnesische Blumenorden“ sowie eine Reihe kleinerer, unbekannterer Gesellschaften. Um die deutsche Sprache zu fördern und in ihren Traditionen zu erhalten, hielt die Gesellschaft ihre Mitglieder dazu an, fremdsprachliche Texte in die deutsche Sprache zu übertragen. Zudem kristallisierten sich im Laufe der weiteren Tätigkeit mehrere Schwerpunkte der Spracharbeit heraus: Zuerst sollte die Grammatik normiert und kodifiziert werden, wie das Ziel „Sprachrichtigkeit“ schon vorgegeben hat. Davon ausgehend könnten ein oder mehrere Wörterbücher geschaffen werden, die dann den Wortschatz der Literatur- und Hochsprache umfassen sollten. Neben all dem sollte die Sprachreinigung die wichtigste Rolle spielen. Neben den Übersetzungen und Eindeutschungen bedeutete dies vor allem, dass die Publikationen in deutscher Sprache veröffentlicht werden und man Fremdwörter vermeiden sollte. Die Vermeidung ging mit der Schulung zur richtigen Verwendung der Literatursprache und der Vermeidung von Archaismen und Dialektismen einher.

Bekannte Veröffentlichungen sind zum Beispiel das oben genannte Werk von Martin Opitz. Aber zu dieser Zeit wurden publiziert. Sie werden nicht nur zur Sprachpflege gerechnet, sondern sind auch als Vorläufer von später aufkommenden Stillehren zu sehen, die ebenfalls zur sichereren und saubereren Beherrschung des Deutschen beitragen sollten. Ebenso gab es sogenannte Briefsteller, die kein eigenes Schreiben förderten, sondern den Leser mit Vorlagen für die verschiedensten Schreibanlässe ausstatten sollten.

Zusammenfassend lässt sich für das 17. Jahrhundert festhalten, dass das Bewusstsein für eine deutsche Nationalsprache in den Vordergrund rückte, allerdings war die Realisierung dieser Sprache noch entfernt. Ein Beginn der Spracharbeit waren die Bemühungen der Sprachgesellschaften, Sprachreinheit (im positiven Sinne) zu schaffen. Die Pflege von geschriebener und gesprochener Sprache erreichte den vorläufigen Höhepunkt in dem Verfassen von Lehrbüchern, die sich sowohl mit grammatischer Norm als auch mit Rhetorik beschäftigten.

Erwähnenswert ist noch die Bemühung Ratkes, den Unterricht in der Muttersprache zu verbessern. Er zielte damit auf die Einführung des Deutschen als Grundlage der Bildung ab (im Gegensatz zum bis dahin verbreiteten Latein). Zudem hebt er die Notwendigkeit einer Sprachregelung und -reinigung hervor. Damit begründet Ratke die Idee der Schulgrammatik.

Die zweite Phase der Sprachpflege: bis etwa 1830

Die Frage nach „gutem und richtigem“ Deutsch existiert auch im 18. und 19. Jahrhundert weiter. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts intensiviert sich der Diskurs über die deutsche Sprache sogar noch. Die Gründe für die Intensivierung der Bemühungen liegen in zwei Bereichen: Erstens entstanden am Ende der 1720er Jahre die sogenannten „Deutschen Gesellschaften“, aufklärerische Sprachgesellschaften. Sie hatten die aufklärerische Idee, einem breiten Publikum Sprachförderung und -beratung zuteil werden zu lassen. Zweitens differenziert sich die Medienlandschaft zur Mitte des Jahrhunderts hin immer weiter aus und trägt so zur Entstehung einer Öffentlichkeit im Bereich der Philologie bei. Immer noch besteht das Ziel darin, eine Form des Hochdeutschen zu erfassen, zu kodifizieren und zu verbreiten. Ausdrucksweisen sollen verallgemeinert und Variationen beseitigt werden.

Eine der „Deutschen Gesellschaften“ war die „Deutschgesinnte Gesellschaft“. Sie ist deshalb hervorzuheben, da Leibnitz 1697 eine Schrift veröffentlichte, in denen der Hauptzweck der Gesellschaft klar umrissen wird: Die deutsche Sprache zu vervollkommnen, auszuschmücken und zu erforschen. Am Ende sollte das Ausarbeiten von 3 Arten von Wörterbüchern stehen: Allgemeine Wörterbücher; Fachliche Wörterbücher, die sich mit dem Vokabular bestimmter Berufe beschäftigen und Dialekt-Wörterbücher, die sich mit der „Übersetzung“ von Dialekten ins Hochdeutsche beschäftigen. Er forderte zudem die Entwicklung sogenannter „Kernschriften“. Kernschriften sollten Beispiele von gutem und schlechtem Stil geben und behandeln, und die Gesellschaft so per Vorbildfunktion belehren. Die Folge von Sprachverbesserungen wäre dann ein leichterer Zugang zu wissenschaftlichen Erkenntnissen und damit die Möglichkeit, Gelehrigkeit und Tugendhaftigkeit zu fördern. Die „Fruchtbringende Gesellschaft“ (s.o.) sollte dabei nach Leibnitz' Idee Vorbild für die „Deutschen Gesellschaften“ sein. Mitglieder dieser Gesellschaften müssten demnach aus den höheren Schichten und dem Gelehrtenstand stammen. Arbeiten zum Thema der Sprachpflege und -verbesserung konnte dann jeder im Einklang mit den Statuten einreichen. Die Deutschen Gesellschaften, die im 18. Jahrhundert entstanden, sind alle auf das Vorbild von Leibnitz' Zielformulierung zurückzuführen. Die beispielhaft genannte „Deutsche Gesellschaft“ wurde 1726 von Johann Christoph Gottsched gegründet. Präzise gesagt entstand sie durch die Umformung einer älteren Gesellschaft aus dem 17. Jahrhundert, der „Deutschübenden Poetischen Gesellschaft“. Vorangegangen war eine Gründung der „Societät der Wissenschaften“ (die Berliner Akademie) im Jahr 1700 unter der Schirmherrschaft von Friedrich dem I. Sie verankerte zwar die Sprachpflege in ihren Gründungsstatuen, in der Realität war davon aber wenig zu spüren. Sie geriet unter starken französischen Einfluss und begann mit eigenen Wörterbüchern erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts. Daher übernahmen die „Deutschen Gesellschaften“ die Funktionen, die eigentlich der Akademie zugedacht waren.

Gottsched und die von ihm begründete „Deutschen Gesellschaft“ erhielten schnell einen Vorbildcharakter. Es sind rege Briefwechsel mit Leipzig, wo die "Deutsche Gesellschaft" ihren Sitz hatte, überliefert. Fast immer handelt es sich hierbei um Nachfragen anderer Gesellschaften oder Privatpersonen, um das „richtige“ Deutsch zu erfahren. Die Folge dieser Korrespondenz war, dass Gottscheds "Deutsche Gesellschaft" eben jene erwähnte Leit- und Vorbildfunktion erhielt. Das ging so weit, dass sogar Vorschläge der Berliner Akademie zuerst in Leipzig vorgelegt wurden, bevor sie veröffentlicht wurden.

Neben den Sprachgesellschaften waren die Literarischen Zeitschriften das Sprachpflege-Phänomen des 18. Jahrhunderts. Herausgegeben von mehreren Akademien und Sprachgesellschaften (u.a. auch von Gottsched) wurden in ihnen sprachliche Probleme und Inhalte aufbereitet, um sie einem mittelständischen Publikum zugänglich zu machen. Es existierten aber auch „Fachzeitschriften“ wie z.B. das „Magazin für deutsche Sprache“ von Adelung, dass sich dediziert um einen fachlichen Diskurs zwischen Gesellschaften, Akademien und Gelehrten bemühte.

Mit Hilfe seiner Vorreiterrolle und der Verbreitung durch die Publikationen (Wörterbücher, Zeitschriften, Kernschriften,...) gelang es Gottsched tatsächlich, die Schriftsprache weitgehend zu standardisieren. Die Grundlage dieses Standards bildete für Gottsched der sogenannte „meißnische Sprachgebrauch“. 1748 wurde die erste Grammatik von ihm veröffentlicht. Allerdings betonte er, dass er keine Regel durchsetzen wolle, die dem Volk gänzlich unbekannt sind. Vielmehr will er auf der Grundlage der Arbeit und des Sprachgebrauchs führender Schriftsteller eine Einheit in der Sprache schaffen. Titel der Grammatik: „Grundlegungen einer deutschen Sprachkunst, nah dem Muster der besten Schriftsteller des vorigen und jetzigen Jahrhunderts.“ Das Buch war in drei Teile gegliedert: Die Rechtschreibung, die Flexion (Wortformung) und die Wortbildung zusammen mit der Syntax (Wortfügung). Es verkaufte sich hervorragend und wurde von der breiten Massen offenbar gut akzeptiert, sodass der Weg hin zu einer gemeinsamen Norm bereitet war.

In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts intensivierte sich – gerade in Süddeutschland – der Sprachunterricht. Als Folge daraus kam das Bedürfnis nach Schulgrammatiken auf. Diese Bücher wiederum orientierten sich fast ausschließlich an Gottscheds Grammatik. Als Reaktion auf diese neuen Bedürfnisse bearbeitete Adelung das Thema noch einmal ausführlich. Das Ergebnis seiner Arbeit war die Bündelung aller grammatischen Strömungen, die für den Schulunterricht relevant waren, in seinem Buch „Deutsche Sprachenlehre“, veröffentlicht im Jahre 1781. Im Gegensatz zu Gottsched fokussierte sich Adelung ausschließlich auf die Bedürfnisse des aufkommenden Sprachunterrichts.

Neben der Grammatik wurde aber auch die Orthographie mit eigener Literatur unterfüttert. Hieronymus Freyer gab schon im Jahre 1722 seine „Anweisung zur teutschen Orthographie“ heraus, ein für Lehrer gedachtes Handbuch, dass eine Hierarchie der Orthographieprinzipien aufstellte und ihre Anwendung in der Sprache illustrierte. Adelung überarbeitete auch diese Thematik noch einmal und gab 1788 die „Vollständige Anweisung zur Deutschen Orthographie“ heraus, welches ein generelles Werk zur Orthographie darstellte. Zugleich mahnte er an, dass das bisher Erreichte nicht einer Überreformierung zum Opfer fallen dürfe, was dafür sorgte, dass sich ein gewisser Standard etablieren konnte (auf der Grundlage von den Veröffentlichungen von Gottsched und Adelung).

Die Sprachpflege erweiterte sich stetig. Die oben bereits erwähnten Briefsteller wurden mit großem Erfolg fortgesetzt. Da der schriftliche Sprachgebrauch nicht alleine gefördert und mit Vorbildern versehen werden sollte, kam auch die Redelehre wieder in die Öffentlichkeit. Schon zu Anfang des 18. Jahrhunderts hatte Christian Weise das Ziel, die Jugend zu redegewandten Menschen zu erziehen. Gottsched veröffentlichte beispielsweise 1736 die „Ausführliche Redekunst“, später wurden dazu die sogenannten Stillehrbücher veröffentlicht. Diese Stillehrbücher beinhalteten die elocutio der Rhetorik, also die Gestaltung und Ausarbeitung des Stoffes und sollten das Bewusstsein für und den Umgang mit der Sprache schärfen. Das „negative“ Gegenbeispiel hierzu sind die sogenannten „Antibarbari“. Diese Werke sind Sammlungen von Sprachwidrigkeiten, die als schlechtes Beispiel und der Abschreckung dienen sollten.

Im Zuge der Normbildung im 18. Jahrhundert glitt Sprachpflege auch teilweise in Sprachpurismus ab. Vor allem die aufkommenden Fremdwörterbücher sind zwiespältig: Einerseits sollten sie eine „Bereinigung“ im positiven Sinne sein, eine Stärkung des deutschen Wortgutes. Andererseits schürte sich so eine Ablehnung gegenüber anderer Sprachen, und die Bemühung der Abgrenzung konnte leicht in eine Aversion gegen die „andere“ Sprache abgleiten. Joachim Heinrich Campe beispielsweise postulierte nach 1789, dass die Verdeutschung deshalb notwendig sei, dass Sprache Bildung und Kultur vermittele, daher müsse die Ausbildung und Bereicherung in diesen Bereichen immer aus Quellen der eigenen Sprache erfolgen. Ein gelungenes Beispiel für Campes Eindeutschung ist das Wort „Hochschule“. Ursprünglich existierte nur der Terminus „Universität“ bis Campe ihn mit vielen anderen zusammen eindeutschte. Die erfolgreiche Verdeutschung des Wortes hat sich bis heute in unserem Sprachschatz verankert, doch das Fremdwort verdrängt hat sie nicht. Die meisten von Campes Verdeutschungen wurden jedoch vom Sprecher abgelehnt, so verschwanden zum Beispiel „Zwangsgläubiger“ und „Freigläubiger“ (Katholik und Protestant) schnell wieder aus dem Wortschatz, ebenso wie „Heiltümelei“ (Reliquie). Campe sagte aber auch, dass das Lehren und Lernen in der eigenen Sprache deshalb wichtig sei, um den Nationalgeist und den Nationalcharakter zu konservieren – der Übergang zum politisch Rechten ist also fließend.

Erwähnenswert für das Ende des 18. Jahrhunderts ist noch die sogenannte „Organismustheorie“. Laut dieser Theorie wird die Sprache als Organismus betrachtet, da sie sich wie ein Körper immer wieder aus sich selbst heraus verändere, aber eben nicht von außen veränderbar sei. Diese Theorie wurde im 19. Jahrhundert schnell überholt, allerdings beeinflusst die Metaphorik bis heute die Metasprache über die Sprache (z.B. „kranke“ Sprache).

Die dritte Phase der Sprachpflege: Von 1830 bis 1918

Die Normierungsbemühungen der vorherigen Zeit wurden hier zwar fortgesetzt, waren aber nicht mehr der Fokus der Sprachpflege in diesem Abschnitt. Vielmehr ging es nun darum, das bereits Erreichte als Standard zu verbreiten und einer breiten Masse zugänglich zu machen. Zudem konzentrierten sich Sprachgesellschaften nun mehr auf puristische Sprachreinigung. Aus dieser Fokussierung erwuchs auch das heute noch verbreitete Missverständnis, Sprachpflege mit Purismus gleichzusetzen. Die Vereinheitlichung wurde nun auch vom Staat voran getrieben. Die neu gegründeten Schulbehörden schrieben eine Schreibgebrauchsnorm ebenso vor wie eine Einheitsgeographie. Zudem wurde die sogenannte „präskriptive Norm“ eingeführt: die Schreibnorm konnte nun nur noch durch amtliches Eingreifen verändert werden, ein eigenes Schriftbild war als fehlerhaft zu betrachten. Die meisten dieser Bemühungen nahmen um 1840 ihren Anfang, zwischen den Jahren 1845 und 1875 wurden die Festschreibungen vorgenommen. Der Rechtschreibunterricht wurde im selben Zug vereinheitlicht. Bayern und Preußen führten diese Schulorthographie dann 1879 bzw. 1880 flächendeckend ein. Damit hatten sich die beiden größten deutschsprachigen Staaten und die politischen Schwergewichte dieser Zeit hinter die Sprachpflege und -vereinheitlichung gestellt. Kleinere Staaten begannen, sich am preußischen System zu orientieren und es nach und nach zu übernehmen und zu adaptieren. 1901 kam es vom 17.06. bis zum 19.06. zur sogenannten „Berliner orthographischen Konferenz“: Einberufen vom Reichsinnenminister wurde hier eine Rechtschreibordnung verabschiedet, die sich ebenfalls am bereits bestehenden preußischen Vorbild orientierte. Eine weitere Konvention, die allerdings nicht amtlich vorgeschrieben war, entstand mit Theodor Siebs' Werk „Deutsche Bühnenaussprache“, das schon 1898 das erste Mal erschien. Das Buch sammelte die „richtige und gute“ Aussprache des Deutschen. Es war eine akzeptierte, wenn auch nicht verpflichtende Aussprachenorm. Allerdings mussten sich z.B. Schauspieler verpflichtend daran halten.

Die Vereine für die Sprachpflege konzentrierten sich, durchaus auch stark nationalistisch motiviert, in dieser Phase, wie bereits oben genannt, auf den Purismus. Die „Überflutung der deutschen Sprache mit fremden Worten wird als 'geistige Sklaverei'“ betrachtet. Dadurch würde das Nationalgefühl und das Volksbewusstsein beeinträchtigt. Was „fremdwortrein“ ist, wird als guter Geschmack gewertet und hoch geachtet. Fremdwörter „verunreinigen“ aber nicht nur die Sprache, sondern würden zudem die Kluft zwischen gebildeten und ungebildeten Leuten künstlich verbreitern. Viele Vereine begannen sogenannte Sprachratgeber herauszugeben, um eine Nationalsprache ohne Fremdwörter zu propagieren. Beispielsweise wurde 1848 von Brugger der „Verein zur deutschen Reinsprache“ gegründet, um die puristischen Thesen Bruggers zu vertreten und zu verbreiten. Er unterhielt einen eigenen Sprachratgeber, zerbrach aber mit dem Tod Bruggers auch wieder.

Folgenlos blieben diese puristische Bemühungen nicht: 1871 wurden beispielsweise von den Behörden entbehrliche Fremdwörter aus dem Postdienst, dem Militär, dem Bauwesen etc. entfernt. Diese Zuspitzung gipfelte dann in der Gründung des „Allgemeinen deutschen Sprachvereins“ durch Hermann Dunger 1885, nach den Ideen von Hermann Riegel. Bereits 1887 gab es in diesem Verein eine erste Hauptversammlung, zu der ca. 6500 Mitglieder erschienen. Die hier vorgestellten Ziele des Vereins waren:

  1. Reinigung der deutschen Sprache
  2. Erhaltung und Wiederherstellung des echten Geistes und eigentümlichen Wesens der deutschen Sprache zu pflegen
  3. das allgemeine nationale Bewusstsein im deutschen Volk zu kräftigen

Ab 1886 gab der Verein bereits eine eigene Zeitschrift heraus, die „Zeitschrift des Allgemeinen deutschen Sprachvereins“ (ab 1925 hieß sie „Muttersprache“). Zudem veröffentlichte er sogenannte „Verdeutschungsbücher“, in denen Ersatzwörter für Fremdwörter angeboten wurden (siehe oben, exemplarische Beispiele bei Campe). Der große Einfluss dieses Vereins zeigte sich nicht nur an seinen ~100 Zweigstellen, sondern auch an den belegten Rundschreiben und Eingaben an die Behörden. Das Ziel war die Gründung einer Reichsanstalt als Zentrale für sprachpflegerische Tätigkeiten. Das Abrutschen in den Nationalismus und die Instrumentalisierung von Sprachpflege hin zum Purismus ging immer schneller voran.

Diese Entwicklung ging nicht kritiklos vonstatten: 1889 wurde von 41 bekannten Gelehrten und Schriftstellern, unter anderem von Theodor Fontane, in den „Preußischen Jahrbüchern“ eine Erklärung konstatiert, dass der ADSV den Sprachgebrauch offenbar von oben geregelt sehen wolle und dass das Sprachpflegeverständnis der Gelehrten und Schriftsteller ein anderes sei: Die Abwehr von Fremdwörtern sei bei weitem nicht das Wichtigste, obwohl der ADSV es zum „Gebot des Nationalstolzes“ erheben wolle, sondern entscheidend sei die qualifizierte Anleitung der Jugend zum richtigen Gebrauch der Sprache und zum Lesen der Nationalliteratur. Hier wird der Unterschied zwischen Fremdwortbekämpfung und Sprachpflege deutlich, der in dieser Phase offen thematisiert und diskutiert wurde. Behagel unterstrich die Forderung der 41 Gelehrten und Schriftsteller 1894 noch. Er veröffentlichte einen Aufsatz über den Sprachgebrauch und die Sprachrichtigkeit. Er kommt zu dem Schluss, dass die Sprache den Zweck der Verständigung hat, dazu sind mäßigende und fördernde Maßnahmen nötig, kein Purismus.

Die vierte Phase der Sprachpflege: 1918 bis 1945

Die politischen Entwicklungen im Zuge des frühen 20. Jahrhunderts hinterließen ihre Spuren auch im Bereich der Sprachpflege. Nach dem verlorenen ersten Weltkrieg erlebte der Nationalismus nochmal eine Renaissance, da die aufkommende Weimarer Republik nicht in der Lage war, das Misstrauen und die Unzufriedenheit der Bevölkerung abzubauen. Daher ist es nicht verwunderlich, dass auch der bisher schon stark nationalistische Purismus in der Sprachpflege in rassistische und antisemitische Auswüchse abglitt. Franz Thierfelder formulierte 1929 die Aufgaben der Sprachpflege wie folgt:

  1. Aufklärung im Inland (sprachliche Erziehung des Einzelnen und der Allgemeinheit)
  2. Werbung im Ausland und unmittelbar tätige Hilfe im Grenzgebiet (Betreuung von Deutschen im Ausland und Grenzgebiet und Förderung von allem, das Deutsch zur Weltsprache machen könnte)

Dagegen klangen die Forderungen von Schmidt-Rohr in den 1940er Jahren schon deutlich gefärbter: Sprachpflege sei Schutz gegen „Umvolkung“ für die Grenzdeutschen und diene dem Zweck der Ausdehnung des Deutschen. Sprachpflege müsse der nationalistischen Idee dienen. Der Ton des Purismus verschärfte sich in dieser Phase also spürbar. Weitere nationalsozialistische Ideen umfassten die Sprachpflege zur Stärkung des deutschen Selbstbewusstseins, die geradezu kultische Verehrung der Muttersprache als Volksheiligtum und – nach Geissler – die Sprachpflege gar als Rassenpflicht zur Ausmerzung von Fremdsprachen. Die nationalsozialistischen „Wissenschaftler“ wurden allerdings, je rassistischer die Forschungen wurden, immer diffuser in ihren Vorstellungen und Theorien. Schlussendlich wurden sogar Definitionen von Sprachberatung und -förderung vermieden, da die "Wissenschaftler" jener Zeit zu keiner Definition mehr bereit waren.

Paradoxerweise beendeten die Nationalsozialisten diese Entwicklung mit einem Verbot von Fremdwortverdeutschung im Jahre 1940. Nachdem bereits das „Deutsche Sprachpflegeamt“ gegründet worden war und erfolgreich mit dem ADSV zusammen gearbeitet hatte – unter anderen die Schrift „Muttersprache“, angefüllt mit Propaganda, an die Bevölkerung verteilt hatte – lief die Verdeutschung vom Fremdwörten der NS-Propaganda später zuwider, die Fremdwörter zur Verschleierung ihrer Absichten nutzten. Die Verdeutschung war in diesem Fall aufklärend und daher nicht mehr erwünscht. Daher erfolgte 1940 das Verbot der Fremdwortverdeutschung, und die Sprachvereine sanken in ihrer Bedeutung wieder ab.

Die fünfte Phase: Sprachpflege ab 1946

Die Sprachpflege erholte sich von dem Missbrauch durch die Nationalisten und der Radikalisierung glücklicherweise recht schnell. 1947 wurde bereits die „Gesellschaft für deutsche Sprache“ gegründet. 1948 zog die Bayrische Akademie nach und rief die „Kommission für Sprachpflege“ in München ins Leben. 1952 folgte dann das „Institut für deutsche Sprache und Literatur“ in Berlin und 1963 der „Verein für Sprachpflege“ in Hamburg. Die Institutionen verfolgten alle das Ziel, Sprachpflege im weitesten Sinne voran zu treiben, sich also wieder auf die Kodifizierung von Orthographie, Orthoepie, Grammatik, Wortschatz u.a. zu konzentrieren.

Als abschließendes Beispiel sei hier der „Verein Deutsche Sprache“ (VDS) hervorgehoben. Der gemeinnützige Verein besteht seit 1997 und hat es sich zur Aufgabe gemacht, „die deutsche Sprache als eigenständige Kultursprache zu erhalten und zu fördern.“ Damit ist in erster Linie eine ablehnende Haltung gegenüber dem „Denglisch“ gemeint. Der VDS ist jedoch klar als sprachpflegerisch und nicht sprachpuristisch (oder gar politisch gefärbt) einstufbar, da er englische Worte in der deutschen Sprache nicht ablehnt, solange sie Lücken sinnvoll füllen. Der VDS bezeichnet Deutsch sogar explizit als „Mischsprache“. Der Verein formuliert auf seiner Website Forderungen an bestimmte gesellschaftliche Gruppen, beispielsweise an die Wissenschaft (Erhaltung und weiterer Ausbau der deutschen Sprache in Forschung und Lehre, Deutsch als gleichberechtigte Konferenzsprache auf Kongressen in Deutschland, etc.), und versucht so die sprachlichen Entwicklung des Deutschen zu verbessern.

Links

Literatur

  • Adelung, Johann Christoph: Vollständige Anweisung zur Deutschen Orthographie. Leipzig 1788.
  • Engels, Heinz: Die Sprachgesellschaften des 17. Jahrhunderts. Gießen: W. Schmitz Verlag 1983. (= Beiträge zur deutschen Philologie).
  • Freyer, Hieronymus: Anweisung zur teutschen Orthographie. o.O. 1722.
  • Gottsched, Johann Christoph: Ausführliche Redekunst. Leipzig: Breitkopf 1736.
  • Greule, Albrecht; Elisabeth Ahlvers-Liebel: Germanistische Sprachpflege. Geschichte, Praxis und Zielsetzung. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1986.
  • Leweling, Beate: Reichtum, Reinigkeit und Glanz – Sprachkritische Konzeptionen in der Sprachreflexion des 18. Jahrhunderts. Ein Beitrag zur Sprachbewusstseinsgeschichte. Frankfurt a. Main u.a.: Peter Lang Verlag 2005 (= Germanistische Arbeiten zu Sprache und Kulturgeschichte 46).
  • Nüssler, Otto: Die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS). In: Sprachkultur. Jahrbuch 1984 des Instituts für Deutsche Sprache. Düsseldorf: Schwann 1985 (= Sprache der Gegenwart 63).
  • Opitz, Martin: Buch von der Deutschen Poeterey. Breßlau 1690.
  • Preußische Jahrbücher. Berlin: Stilke Verlag.
  • Siebs, Theodor: Deutsche Bühnenaussprache. Bonn 1920.
  • Sprachkultur und Sprachgeschichte. Herausbildung und Förderung von Sprachbewußtsein und wissenschaftlicher Sprachpflege in Europa. Hrsg. Von Jürgen Scharnhorst. Frankfurt am Main: Peter Land GmbH 1999 (= Sprache 30).
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