X-Bar-Theorie

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Die X-Bar-Theorie ist eine Subtheorie der generativen Grammatik zur Beschränkung kontextfreier Phrasenstrukturregeln. Sie wurde auf der Basis der Vorarbeiten zu syntaktischen Komplexitätsstufen von Harris (1951) seit Chomsky (1970) entwickelt.

Die X-Bar-Theorie stellt eine generalisierende Explikation erstens der verschiedenen syntaktischen Beziehungen zwischen dem Kopf einer Konstruktion und modifizierenden, spezifizierenden und ergänzenden syntaktischen Einheiten dar und zweitens (unter der Voraussetzung einiger weiterer Annahmen, vgl. van Riemsdijk (1998)) endozentrischer Konstruktionen (Kopf).

Kommentare

Die X-Bar-Theorie macht u. a. die folgenden, teils kontrovers diskutierten Grundannahmen:

  1. Alle syntaktischen Phrasen haben prinzipiell denselben Strukturaufbau;
  2. Für jede Phrase kann eine und nur eine syntaktische Minimaleinheit identifiziert werden, welche den Kopf dieser Phrase bildet;
  3. Zwischen Kopf und Phrase gibt es syntaktisch relevante Zwischenstufen;
  4. Alle Nicht-Köpfe sind Maximale Projektionen;
  5. Maximale Projektionen haben dieselbe Bar-Anzahl;
  6. Nur Nicht-Köpfe sind optional.

Nach der X-Bar-Theorie sind die Kategorien Verbalphrase (VP), Nominalphrase (NP), Adjektivphrase (AP) und Präpositionalphrase (PP) nach universellen Strukturprinzipien aufgebaut, die mittels verschiedener Typen von Merkmalkomplexen beschrieben werden können:

(a) die kategorialen Merkmale (C(ategorial)-features) [±N(ominal)], [±V(erbal)] bestimmen die syntaktische Kategorie eines Kopfes; im allgemeinen wird unterschieden zwischen Nomen = [+N, –V], Verben = [–N, +V], Adjektiven = [+N, +V] und Präpositionen = [–N, –V];

(b) eine unterschiedliche Anzahl von bars symbolisiert den Komplexitätsgrad syntaktischer Einheiten; z. B. NP = N' ', AP = A' ' usw. (bzw. durch hochgestellte Ziffern gekennzeichnet: X¹, X²).

Somit können generelle Prinzipien über den Phrasen-Aufbau mit den Variablen X und bar expliziert werden; insbesondere gilt

   Xn → [...Xn-1...]

wodurch Expansionen wie z.B.

   VP → A + PP 

oder

   NP → V

ausgeschlossen werden.

Während in frühen X-Bar-Theorie-Varianten die Komplexität syntaktischer Kategorien relativ unbeschränkt war, nimmt man seit der Barrieren-Theorie im Allgemeinen eine Maximale Projektion von 2 bars an.

Eine Maximale Projektion (XP) expandiert in eine Spezifikator-Konstituente (SpecX) und X', X' expandiert in den Kopf der Phrase (X0) und sein Komplement (eine YP).

   XP → SpecX + X'
   X' → X0 + YP

Dies erlaubt die Explikation der Komplexitätsstufen mittels zweier binärer Merkmale (L(evel)-features), [±proj(ected)], [±max(imal)]:

   N0 → [-proj, -max]
   N1 → [+proj, -max]
   N2 → [+proj, +max]

Die Unterscheidung zwischen Funktionalen Kategorien und lexikalischen Kategorien erlaubt weitere Generalisierungen hinsichtlich der syntaktischen Kategorien Satz (S), Determinansphrase (DP) und Inflectional Phrase (IP), INFL) einerseits, VP, NP, PP und AP andererseits: Nominalphrasen und Verbalphrasen können generalisierend als Komplemente Funktionaler Kategorien wie u.a. DET bzw. INFL erfasst werden. Dementsprechend werden X-Bar-Kategorien neben C- und L-Merkmalen durch einen dritten Merkmalskomplex definiert, der sich auf ihren lexikalischen bzw. funktionalen Status bezieht, die sog. F-Merkmale (F(unctional)-features) [±f(unktional)] und [[±g(rammatikalisch)], welche auch die Spezifikation sogenannter semi-lexikalischer Kategorien erlauben: Lexikalische Kategorien werden als [–f, –g] aufgefasst, funktionale Kategorien als [+f, +g], semi-lexikalische Kategorien, zu welchen z.B. Klassifikatoren oder Quantoren oder bestimmte Konjunktionen (vgl. Conjunction Phrase) gerechnet werden könnten, können mit den beiden Merkmalkombinationen [–f, +g] bzw. [+f, –g] expliziert werden.

Im Rahmen des Minimalismus werden einige zentrale Grundannahmen der X-Bar-Theorie zugunsten sogenannter bare phrase structures (vgl. Chomsky (1995)) und einer (schon auf Muysken (1982) zurückgehenden) relationalen Auffassung von Projektionen (vgl. Chomsky (1995)) aufgegeben (zur Kritik der X-Bar-Theorie vgl. schon Kornai & Pullum (1990); zur weiterführenden Argumentation vgl. Hornstein et al. (2005, Kap. 6), Sternefeld (2005)):

Eine Maximale Projektion (in der X-Bar-Theorie X2) wird im Minimalismus als eine nicht weiter projizierende Kategorie aufgefasst, und eine minimale Projektion (in der X-Bar-Theorie X0) als eine syntaktische Einheit, die aus dem Lexikon stammt; als einzige weitere (in der X-Bar-Theorie X1) zugelassene syntaktische Einheit ergibt sich eine Projektion, die weder minimal noch maximal ist.

Dies erlaubt eine Anpassung an minimalistische (und optimalitätstheoretische) Erfordernisse, wie z.B. die Vermeidung leerer Zwischenstufen von Projektionen (z.B. ist Noam in Noam kommt unter dieser Voraussetzung zugleich eine minimale und eine Maximale Projektion und es erübrigt sich die Annahme einer Zwischenprojektion X1).

Die Einführung sogenannter leichter Köpfe (light heads) und Shell-Projektionen, deren Symbolisierung als x bzw. xP erfolgt (vgl. Radford (2000)) ermöglicht Generalisierungen über die syntaktische Realsierung von Argumenten innerhalb verschiedener Phrasentypen (Verbalphrase, Nominalphrase).

Wortursprung

englisch bar 'Balken'.

Siehe auch

Andere Sprachen

englisch X-bar theory

Literatur

  • Carnie, A. 2001. On XP and Xº. Syntax 2001/3, 59–106.
  • Chametzky, R. A. 2000. Phrase Structure: From GB to Minimalism. Oxford: Blackwell.
  • Chomsky, Noam. 1970. Remarks on Nominalization. In: Jacobs, R. A. / Rosenbaum, P. S. (Hrsg.): Readings in English Transformational Grammar. Waltham, Mass.: Ginn. 184–221.
  • Chomsky, Noam. 1995. The Minimalist Program. Cambridge, Mass: MIT Press.
  • Collins, C. 2002. Eliminating Labels. In: Epstein, S. / Seely, D. (Hrsg.): Derivation and Explanation in the Minimalist Program. Oxford: Blackwell. 42–64.
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  • Grohmann, K. 2001. 'Natural Relations': A Note on X'-Structure. ZASPIL 2001/21, 67–87.
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  • Hornstein, N. et al. 2005. Understanding Minimalism. Cambridge: Cambridge University Press.
  • Jackendoff, Ray S. 1977. X'-Syntax: A Study of Phrase Structure. Cambridge, Mass.: MIT Press.
  • Kornai, A. / Pullum, G. 1990. The X-Bar Theory of Phrase Structure. Language 1990/66. 24–50.
  • Muysken, Pieter. 1982. Parametrizing the Notion 'Head'. Journal of Linguistic Research 1982/2. 57–75.
  • Radford, Andrew. NP Shells. Essex Research Reports in Linguistics 2000/33. 2-20.
  • Speas, M. 1990. Phrase Structure in Natural Language. Dordrecht: Foris.
  • Stark, E. / Wandruszka, U. (Hrsg.). 2003. Syntaxtheorien – Modelle, Methoden, Motive. Tübingen: Narr.
  • Sternefeld, Wolfgang. 2005. Syntax. Eine merkmalbasierte generative Beschreibung des Deutschen. Ms., Tübingen.
  • Stuurman, F. 1985. Phrase Structure Theory in Generative Grammar. Dordrecht: Foris.
  • van Riemsdijk, H. 1998. Categorial Feature Magnetism: The Endocentricity and Distribution of Projections. JCGL 1998/2. 1–48.
  • Webelhuth, G. 1995. Government and Binding Theory and the Minimalist Program. Oxford: Blackwell.
  • Zwarts, J. 1992. X-Bar-Syntax and X-Bar-Semantics. PhD dissertation, University of Utrecht.

(weitere Literatur siehe Kopf)