Epistemische Modalität

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Allgemein

Diewald/Smirnova (2010) bezeichnen epistemische Modalität als „Faktizitätsbewertung eines Sachverhalts“. Dabei wird das Augenmerk auf das „Tatsache-Sein“ einer Proposition gelegt, allerdings geht es nicht um die objektive Wahrheitsbewertung, sondern um die „sprecherbasierte Einschätzung des dargestellten Sachverhalts bezüglich seines Grades an Realität, Aktualität, Wirklichkeit“[1].

Palmer (1986) unterteilt den Bereich der epistemischen Modalität folgendermaßen:

"There are at least four ways in which a speaker may indicate that he is not presenting what he is saying as a fact, but rather: That he is speculating about it, that he is presenting it as a deduction, that he has been told about it, that it is a matter only of appearance, based on the evidence of (possibily fallible) senses."[2]

Epistemische Modalität steht in Verbindung mit den Bereichen der Möglichkeit (possibility) und der Notwendigkeit (necessity), die entweder zu einer starken oder schwachen epistemischen Modalität führen. Schwache epistemische Modalität wird beispielsweise in germanischen Sprachen durch Verben wie may und can grammatikalisiert. Starke epistemische Modalität wird durch Verben wie must oder shall realisiert. Wie bereits erwähnt, verweist epistemische Modalität auf die Einstellung des Sprechers zum Wahrheitsgehalt seiner Äußerung. Verwendet er nun Ausdrücke von schwacher epistemischer Modalität, ist seine Bereitschaft zum Wahrheitsgehalt seiner Äußerung niedriger, als wenn er starke epistemische Ausdrücke nutzt[3].

Epistemische Modalität und Evidentialität

Vor allem in den germanischen Sprachen scheint die Beziehung bzw. die Unterscheidung zwischen epistemischer Modalität und Evidentialität kompliziert zu sein. Die Schnittstelle liegt dabei meist zwischen epistemischer Modalität und indirekter Evidentialität (Inferenz). Starke epistemische Modalverben werden oftmals auch dafür verwendet, diese indirekte Evidentialität auszudrücken[4]:

    (1) Er soll steinreich sein.[5] 

Ebenso können Evidentialität und epistemische Modalität durch ein und dasselbe Element ausgedrückt werden, wie das niederländische moeten verdeutlicht:

    (2) Het moet een goede film zijn.
        Epistemische Übersetzung: „It must be a good movie.“
        Evidentielle Übersetzung: „It is said to be a good movie.“[6]

In der Literatur herrscht weitestgehend Uneinigkeit über die Beziehung zwischen epistemischer Modalität und Evidentialität. Einige Autoren sehen die beiden Phänomene als streng voneinander getrennte Kategorien an[7], für andere Sprachwissenschaftler wiederum stellt Evidentialität einen Teil der Modalitäts-Kategorie dar[8]. Da ein Zusammenhang zwischen epistemischer Modalität und Evidentialität allerdings nur im Bereich der inferentiellen Evidentialität (Schlussfolgerungen) erscheint, sollte es nicht allgemein als Unterkategorie von Modalität angenommen werden.

Sprachbeispiele für die verschiedenen Arten von epistemischer Modalität

Es gibt auch in diesem Bereich verschiedene Möglichkeiten, wie Sprachen epistemische Modalität ausdrücken. Im World Atlas of Language Structures werden drei Strategien vorgestellt, die in Sprachen vorkommen können. Demnach gibt es Sprachtypen, die epistemische Modalität durch verbale Konstruktionen markieren, Sprachtypen, die durch Affixe am Verb markieren oder Sprachen, in denen epistemische Modalität durch anderweitige Konstruktionen realisiert wird.

Harar Oromo, eine Sprache in Äthiopien, dient als Beispiel für den ersten Sprachtyp, in dem verbale Konstruktionen epistemische Modalität als eine von mehreren Bedeutungen inne haben:

  (3) Ní   d’uf-t-i     taa-t-i.
      FOC  come-F-IMPF  become-F-IMPF
      „She may come.“[9]                                           


Wie das Beispiel zeigt, muss die Verbal-Konstruktion nicht zwangsläufig nur eine epistemische Bedeutung haben. Das Verb, das in diesem Fall eine epistemische Bedeutung übernommen hat, kann ebenso die Bedeutung to become oder to be tragen.

Der zweite Sprachtyp drückt epistemische Modalität nicht durch Verbal-Konstruktionen, sondern durch Affixe am Verb aus. Als Beispiel dient das Koasati, eine Sprache im Südosten der vereinigten Staaten. Die Sprache kann das verbale Suffix –sahá:wa verwenden, das might be bedeutet:

    (4) Á:t-ok          hó:pa:-sahá:w-ok   oh-hí:c-á:hi-k     amá:k.
        person-NOM.FOC  be.sick-POS-SS.FOC go-see-INTENT-SS   go.PL.IMP
        „Someone might be sick, go over and look, you all!“[9]  


Der dritte Sprachtyp besitzt weder Verbal-Konstruktionen noch verbale Affixe, um epistemische Modalität zu markieren. Die Realisierung erfolgt durch andere, lexikalische Marker, wie Adjektive (uncertain, possible) oder anderen Partikeln und Adverbien, wie dem Englischen maybe oder dem Element yilama aus dem Wardaman, eine Sprache in Australien:


   (5) Yilama ya-yinyja    ma-yinyja   wurrugu    ngarlg-ba.
       Maybe  IRR.3SG-go   HAB.3SG-go  3N.SG.DAT  call-PCL
       „Maybe he’ll go, he always goes to call them.“[9]  

Geographische Verteilung von epistemischer Modalität

In den meisten europäischen Sprachen wird epistemische Modalität durch verbale Konstruktionen kodiert. In Nordeurasien weisen nur das Russische, Tuvan und das Mandarin verbale Konstruktionen zum Ausdruck von epistemischer Modalität auf. Andere Sprachen dieses Gebiets verwenden verbale Affixe oder andere Möglichkeiten. In Südasien tauchen sowohl verbale Auxiliare als auch verbale Affixe auf. In Ostasien hingegen gibt es kaum einen Ausdruck von epistemischer Modalität. In Australien und Neuguinea sind nur wenige Sprachen mit verbalen Konstruktionen zu finden, die Sprachen in Neuguinea bevorzugen Affixe zur Markierung von epistemischer Modalität. Auf dem afrikanischen Kontinent erfolgt im Zentrum die Markierung epistemischer Modalität auf andere Weise, z.B. durch lexikalische Marker. In den semitischen Sprachen und in den Sprachen Westafrikas überwiegt die Markierung durch verbale Konstruktionen[9]. In folgender Karte ist die weltweite Verteilung von Sprachen mit epistemischer Modalität dargestellt:[9]


Verteilung von epistemischer Modalität (van der Auwera/Ammann 2013)

Siehe auch

Andere Sprachen

English epistemic modality

Verweise

  1. Diewald/Smirnova 2010:115f.
  2. Palmer 1986:51
  3. vgl. De Haan 2001:203
  4. vgl. ebd., 207
  5. Palmer 1986:72
  6. De Haan 2001:202
  7. vgl. Aikhenvald 2004:3f.; Diewald/Smirnova 2010:113
  8. vgl. Willet 1988:54f
  9. 9.0 9.1 9.2 9.3 9.4 van der Auwera/Ammann 2013, WALS http://wals.info/chapter/75

Literaturverzeichnis

  • Bußmann, H. 2002. Lexikon der Sprachwissenschaft. Stuttgart: Kröner.
  • Bybee, J. L. 1985. Morphology. A Study of the Relation between Meaning and Form. Amsterdam/Philadelphia: Benjamins.
  • De Haan, F. 2001. The Relation between Modality and Evidentiality. In: Müller, R. & M. Reis (eds.). 2001. Modalität und Modalverben im Deutschen. Linguistische Berichte, Sonderheft 9/2001. Hamburg: Buske, 201-216.
  • Diewald, G. & Smirnova, E. 2010. Abgrenzung von Modalität und Evidentialität im heutigen Deutsch. In: Katny, A. & Socka, A. (eds.). 2010. Modalität/Temporalität in kontrastiver und typologischer Sicht. Frankfurt am Main: Internationaler Verlag der Wissenschaften, 113-132.
  • Palmer, R. 1986. Mood and Modality. Cambridge: Cambridge University Press.
  • Sipova, I. A. 2010. Epistemische Modalität im Deutschen und Russischen in kontrastiver Sicht. In: Katny, A. & Socka, A. (eds.). 2010. Modalität/Temporalität in kontrastiver und typologischer Sicht. Frankfurt am Main: Internationaler Verlag der Wissenschaften, 211-221.
  • van der Auwera, J.& Ammann, A. 2013. Epistemic Possibility. In: Dryer, M. S. & Haspelmath, M. (eds.). 2013. The World Atlas of Language Structures Online. Leipzig: Max Planck Institute for Evolutionary Anthropology. (Available online at http://wals.info/chapter/75, Accessed on 2014-05-13.).