Wallonisch, Lothringisch, Champagnisch und Burgundisch

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Contents

Begriffliche Einordnung

1.Terminologie

Der Sammelbegriff östliche Dialekte der langue d’oïl verweist auf ein Varietätenkontinuum im nördlichen Teil des galloromanischen Sprachgebiets, das sich durch linguistische Charakteristika einerseits von der französischen Standardsprache (Franzisch) abgrenzen und andererseits zu einer Gruppe zusammenfassen lässt. Zur Erklärung dieser Charakteristika werden außersprachliche (geographische und historische) Eigenheiten der Regionen herangezogen. Das Inventar der Dialekte wird innerhalb der Romanistik je nach Forschungsschwerpunkt anders vorgenommen bzw. hierarchisiert. Hier soll zwischen vier Untergruppen unterschieden werden: Wallonisch, Champagnisch, Burgundisch und Lothringisch. Der Begriff Wallonisch (frz. le wallon) ist irreführend, denn er bezeichnet einen der Dialekte, die in der gleichnamigen Wallonie gesprochen werden; es besteht also Polysemie, die auch eine politisch-regionale Bedeutung einschließt: Wallone ist jeder, der in der Wallonie beheimatet ist, obschon er nicht wallonisch spricht. In der Linguistik weicht man daher auf die beiden Varietäten des Wallonischen aus und spricht von Lütticher und Namurer Wallonisch (frz. wallon liégeois, wallon namurois). Auf wallonischem Boden findet man auch Varietäten des Pikardischen, des Champagnischen und des Lothringischen (Germain/Pierret: 595-596). Das Champagnische (frz. le champenois) wird auf dem Gebiet der französischen Region Champagne-Ardenne und in der Brie verortet. Es besteht ein kleines champagnisches Überlappungsgebiet in der Südwallonie. Der lothringische Dialektraum (frz. le lorrain) schließt im Osten an den champagnischen an, findet sich aber auch in einer bestimmten, mit gaumais bezeichneten Varietät in der südostlichen Wallonie. Man findet lothringische Dialekte in allen westlichen Départements der Region Lorraine und im westlichen Teil des Départements Moselle. Das Burgundische (frz. le bourguignon) erstreckt sich über die Regionen Bourgogne und Franche-Comté und grenzt damit jeweils südlich an Champagnisch und Lothringisch an (Taverdet: 654).

Anmerkung: Gilles Roques zählt zur französischen nordöstlichen Gruppe das Pikardische, das Champagnische, das Burgundische, den Dialekt der Franche-Comté, das Lothringische und das Wallonische (Roques: 185), während Taverdet mit dem Oberbegriff „östliche Dialekte“ das Burgundische, das Champagnische und das Lothringische einschliesst; das Wallonische wird gesondert als nördlicher Dialekt behandelt.

2. Sprachgenetische Einordnung

Indogermanische Sprachen >

Romanische Sprachen >

Galloromanische Sprachen >

Langues d’oïl >

Wallonisch Champagnisch Lothringisch Burgundisch

3. Geolinguistische Lokalisierung

Sowohl im Norden als auch im Osten der Dialektgruppe können die Grenzen ihrer Ausprägung relativ klar gezogen werden, denn sie stimmen mit der romanisch-germanischen Sprachgrenze überein: Im Norden ist es das Flämische, auf der Ostseite deutsche Dialekte. In Belgien wird diese Sprachgrenze politisch gestützt durch die regionale Zweiteilung des Staates, während im Osten die linguistische Grenze nicht allerorts mit der politischen zusammenfällt. Bei der Grenzziehung ist es wichtig, nicht von der heutigen Ausbreitung der Nationalsprache, sondern vom Vorhandensein eines dialektalen Substrats in einer Gegend auszugehen. Somit gehört die gesamte Region Elsass zum germanischen Sprachgebiet, das sich auch über den östlichen Teil des Départements Moselle erstreckt. Weiter südlich, im Elsass, folgt die Linie dem Verlauf der Vogesen, die historisch ein geographisches Hindernis sprachlichen Austausches bildeten (Taverdet: 654).

Im Südosten befindet sich der frankoprovenzalische Sprachraum, der Übergang ist jedoch sehr diffus, so dass es ein breites Band von Zwischendialekten gibt, die sowohl frankoprovenzalische Merkmale, als auch Merkmale der langues d’oïl aufweisen. Die Mundart von Mâcon ( frz. le mâconnais) ist ein Beispiel dafür. Der Isoglossenfächer durchzieht die Départements Saone-et-Loire, Jura und Doubs (ebd.: 655).

Noch unauffälliger gestaltet sich der Übergang der östlichen Dialekte zum sogennanten dialektfreien Zentrum, d.h. dem erweiterten Einflussgebiet der Ile-de-France. Durch die Systemnähe mit der franzischen langue d’oïl, gepaart mit deren Status als Nationalsprache, stehen die restlichen langues d’oïl der Franzisierung ungehindert entgegen. Besonders im champagnischen Dialektraum nehmen die distinktiven Merkmale zwischen Nationalsprache und Varietät nach Westen hin immer mehr ab. Die Aufnahme franzischer Merkmale in eine bestimmte Varietät kann man räumlich als Franzisierungslinien (ebd.: 656) darstellen, d.h Isoglossen, die das angepasste Gebiet vom Widerstand leistenden Gebiet trennen. Seit der Standardisierung des Franzischen dringen die Franzisierungslinien immer weiter nach Osten vor.

4. Untergliederung(sansätze)

Die dialektologische Erfassung der östlichen Dialekte begann in Frankreich erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit der Erstellung von regionalen Sprachatlanten. Henri Bourcelot ist mit seinem Atlas linguistique et ethnographique de la Champagne et de la Brie (ALCB), dessen erster Band 1966 erschien, der Vorreiter und festigt die Korrelation von sprachlichen Tatbeständen und politisch-administrativer Realität. Andererseits fasst er das Champagnische und den Dialekt der Brie, die sich hauptsächlich in der Region Ile-de-France befindet, zusammen. Auch die Autoren der Regionalatlanten von Lothringen, Burgund und Franche-Comté setzen sich politisch bedingte Grenzen (Taverdet: 654).

Den Sonderfall der Franche-Comté - die Tatsache dass ihr Dialekt so oft mit dem Lothringischen und noch öfter mit dem Burgundischen in einem Atemzug genannt wird, aber trotzdem abseits steht - kann man durch ihre Position als Schnittmenge von drei Sprachräumen (lothringisch, burgundisch, frankoprovenzalisch) erklären. In Ermangelung eines Inventars, das typische Merkmale dieser Mundart zu denen anderer abgrenzt, wird das franc-comtois lediglich als Sammelbegriff sehr disparater patois verwendet und ist nur Objekt punktueller Untersuchungen, z.B. Les parlers comtois d’oïl von Colette Dodaine (1972). Das zeigt auch, dass die dialektalen Grenzen nicht so einfach zu ziehen sind, wie es die Regionalatlanten glauben machen. In den meisten Fällen ist es einfacher, gemeinsame als distinktive Merkmale unter den Dialekten zu finden; dennoch wird vielerorts nochmals unterteilt in lokale Varianten . Z.B. um das Einzugsgebiet eines Ortes, wie das patois messin um die lothringische Gemeinde Luttange (Richard: 173) oder anhand einer geographisch abgegrenzten Gegend, wie die langue morvandelle (Taverdet: 669), die Mundart des Mittelgebirgszug Morvan im Burgund.

Dass es lokale Untervarietäten der vier untersuchten Dialekte gibt, ist sehr wahrscheinlich, aber da die Vergleichsbasis zum Dachdialekt fehlt und der Gebrauch der lokalsprachlichen Eigenheiten stark abnimmt, kann solch eine Einteilung nicht wissenschaftlich eindeutig sein.

5. Sprachstatus und Sprachbewusstsein

Weder in Belgien noch in Frankreich konnte einer der Dialekte den Status einer koiné erlangen, da das Franzische als Verwaltungssprache direkt das Lateinische ablöst. Im Falle des Wallonischen kann der Begriff der koiné zeitlich und thematisch beschränkt auf den Kulturbereich im 19. und 20. Jahrhundert angewendet werden. (Vgl. dazu Piron, Maurice (1979): Anthologie de la littérature dialectale de Wallonie. Lüttich : Mardaga.)

Daraus wird erkenntlich, dass das Wallonische der am stärksten mit sprachlichem Regionalpatriotismus behaftete Dialekt der östlichen langues d’oïl ist, was geschichtlich und anhand der belgischen Staatsräson verständlich gemacht werden kann. Auf französischem Staatsgebiet erreichen Heimat- und Kulturvereine als Träger der Sprachbewahrung kaum regionales Prestige und das Bewusstsein eines über das patois hinausgehenden regionalen Dialektbegriffs ist nur in akademischen Kreisen präsent. Auch hier sei auf den Zentralismus der französischen Nationalideologie verwiesen. Dadurch herrschte über Jahrhunderte hinweg eine Diglossiesituation vor, in der das prestigebehaftete Franzisch vor allem in Städten und innerhalb der oberen sozialen Schichten gesprochen wurde, während das patois auf bäuerlichem Niveau erhalten blieb und einen negativen Anklang hatte (Lefebvre: 264).

Anmerkung: Etwas größere Bedeutung kann der Heimatvereinigung des Morvan zugeschrieben werden, deren Mitglieder –sei es wegen relativer Homogenität aufgrund ihrer Lage fernab der wichtigen Handelswege, sei es aufgrund des akademischen Interesses an ihrer traditionell gebliebenen Mundart – die Ernennung ihres Dialekts zu einer eigenständigen Regionalsprache fordern (Taverdet: 669).

6. Vitalität

Aus der Schwierigkeit der Systemabgrenzung zwischen den verschiedenen Dialekten in Frankreich folgt die Problematik der Sprecherzahl. Hinzu kommt die Unmöglichkeit einer objektiven Einschätzung, ab welchem Verwendungs- oder Fähigkeitsgrad eine Person als Dialektsprecher oder patoisant bezeichnet werden kann. Reicht dazu passives Verständnis oder das Ausschmücken vom Standardfranzösischen mit einigen Dialektismen aus (Taverdet: 669)? Dennoch gibt es Angaben von Dialektforschern, die eine Mischung aus eigener Einschätzung und Umfragen sind: Nach Taverdet, dem Autor des Atlas linguistique et éthnographique de Bourgogne, gab es 1977 noch rund 50 000 Sprecher einer Varietät des Burgundischen. Vom Champagnischen ist allerdings weithin bekannt, dass sich keine Informanten mehr finden lassen, ist es doch der am stärksten franzisierte Dialekt der östlichen Dialektgruppe. Will man seine Eigenheiten untersuchen, muss man auf Toponymie zurückgreifen (Lefebvre: 280-281, Taverdet: 656).

Für die Situation in Belgien verfügen wir über etwas klarere Angaben, allerdings sagen sie nichts über die Gesamtzahl der Wallonischsprecher aus, sondern nur über das Verhältnis von Standardsprache und Dialekt im Alltag: Ende der 70er Jahre sprechen in der Gemeinde Purnode, die im Sprachgebiet des Namurer Wallonisch liegt, 43% gewohnheitsmäßig wallonisch und 15% verstehen kein wallonisch (Germain/Pierret: 599).

Für keinen der behandelten Dialekte finden sich jedoch noch einsprachige Informanten, d.h. Sprecher, die nicht des Französischen mächtig sind.


Innersprachliche Klassifikation

1. Phonetik

Der ostfranzösische Konsonantismus weist Merkmale auf, die aus franzischer Sicht als archaisch aufgefasst werden, weil sie erstens bestimmte Laute und Lautkombinationen beibehalten haben und zweitens keiner sprachideologischen Korrektur ausgesetzt waren, wie es beim Franzischen der Fall war. Zum Beispiel blieben die Affrikaten [tʃ] und [dʒ] in allen vier Dialekten besonders im Anlaut erhalten: (Standardsprachliche Formen in Klammern.)

 W: djampe (jambe), C: tchoir (choir), B: tcheval (cheval), L: tchoir (choir)

Die Spuren der Verbreitung einer Modeerscheinung, die von Paris ausging, finden sich heute noch in den westlichen Dialekten der östlichen Gruppe, nicht jedoch in der Standardsprache. Das intervokalische ’r’ wird im XVI. Jahrhundert asibiliert zu [z] oder fällt vollkommen weg. Der darauffolgende Gegentrend hat seinen Weg in manche Dialekte nicht gefunden: So findet sich vielerorts im Westburgund und in der Champagne riviée statt rivière (Taverdet: 662).

Betrachtet man einige Charakteristika des ostfranzösischen Vokalismus, so fällt auf, dass bestimmte Formen sich weiter entwickelt haben, besonders im Bereich der Diphthonge, als im Franzischen (wo Diphthonge in der Regel reduziert wurden). So kann das [ɛ] in geschlossener Silbe im Wallonischen und im Lothringischen zu [iɛ] diphthongieren, während der Diphthong ei im Burgundischen und Lothringischen weitere fallabhängige Entwicklungsschritte durchmacht:

 W: FERRU> fiêr (fer)
 B: raie >roie>  (raie), frais > frois > frô (frais)
 L: TERRA > tierre/tirre (terre), HERBA > hierbe/hirbe (herbe), deit > doit > do (doigt)

Die Phonetik gibt auch Aufschluss über einige „typisch östliche Merkmale“, die sich aus der Nähe zu germanischen Dialekten ergeben, wie z.B der Erhalt des germanischen [w] in Form von [w] oder [v], sowie des alveolaren [r], des aspirierten [h] im Anlaut und eine Ensonorisierung der finalen Konsonanten:

 W: wesse (guêpe), djampe (jambe)
 B: "wêpe/vêpe" (guêpe)
 L: "wipe" (guêpe), lièf (lièvre), bousse (bouse)

In geringerem Maße ermöglicht die Phonetik auch die Abgrenzung der verschiedenen Dialekte untereinander. Dazu seien einige Beispiele des Konsonantismus dargestellt:

 W: Palatalisierung von finalem k: SECCU > sètch (sec).
 C: Palatalisierung von gl zu dy und kl zu ty: tyèr (clair) (Bourcelot: 83-84).
 B: Auflösung des Nexus M’N in N: FEMINA > fene/fone (femme). 
 L: Weiterentwicklung des [s] zu [x]: pouchon (poisson).

Die Weiterentwicklung der Konsonantenfolge M’N im Burgundischen, die sich auch im Franc-Comtois findet, ist eine Gemeinsamkeit mit dem Frankoprovenzalischen. Andere Beispiele aus diesem Übergangsgebiet sind der Wandel des lateinischen –QU- in [g] (AQUA > aigue (eau)) oder die Entwicklung des betonten lateinischen A in offener Silbe (PRATU > les pras (les prés)) .

Anmerkung: Soweit nicht gesondert angegeben sind die Beispiele aus den phonetischen Erklärungen von Germain/Pierret (fürs Wallonische) und Taverdet (für Burgundisch, Champagnisch und Lothringisch) entnommen.

2. Morphologie

Aufgrund der Systemnähe zum Franzischen zeigen die anderen langues d’oïl weniger ersichtliche Eigenheiten in Verwendungs- und Kombinationsart ihrer Grundbausteine (Taverdet: 665). Die auffälligsten Abweichungen in den Dialekten lassen sich jedoch nicht auf das gesamte östliche Dialektkontinuum anwenden und können somit als distinktiv innerhalb dieses Raums angesehen werden.

Wallonisch und Lothringisch heben sich durch besondere Verbalparadigma im Präteritum und im Präsens hervor. In der ersten Person Singular des wallonischen Imperfekts lautet die Endung –efe/-eûfe/-ife, je nach Varietät: passefe (je passais). Sie entspricht der phonetischen Weiterentwicklung der lateinischen Endung –ABAM und behält dadurch die synthetische Bildung bei, während im Franzischen das personenangebende Morphem vorangestellt ist. Auch im Präsens ist die Weiterführung der lateinischen Endung deutlicher als im Franzischen, da sie phonetisch präsent ist: Das Endungsmorphem –ANT der dritten Person Plural wird im Lütticher Wallonisch zu –è, im Namurer Wallonisch zu –nu:

 i tchantè / i tchant’nu (ils chantent). 

(Das u hat hier die Funktion eines Stützvokals und ist nicht lautliche Weiterentwicklung von –ant. Beispiele von Germain/Pierret: 598).

Das "Lothringische Imperfekt" kennt zwei semantisch unterschiedlich belegte Formen: je palo = unmarkiert / je paloza = markiert (je parlais). Die markierte Form, in deren Morphologie man eine Suffigierung der unmarkierten Form mit dem lateinischen Wort für Stunde ( palo + HORA) vermutet, soll die Gleichzeitigkeit der erzählten Handlung mit einer anderen hervorheben:

 C’atôza di temps de Louis Philippe ("Es geschah zur Zeit von Louis Philippe") (Taverdet: 666)

Die Anzahl abweichender Morpheme zur Bildung grammatikalischer Kategorien ist sehr gering; hier sei lediglich die champagnische Komparationsbildung mit MAGIS > mais que, anstelle des franzischen plus que genannt, sowie, ebenfalls im Champagnischen, die Verneinungspartikel mie, die im Franzischen durch pas ausnahmslos ersetzt wurde( Bourcelot: 90). Mie findet sich ebenfalls im Lothringischen: i n’vu-m’ (il ne veut pas)(Germain/Pierret: 598). Vor einem Jahrhundert war im Burgundischen ou das direkte Objektpronomen, dem das franzische le entsprach:

 Vous poûtes bien m’ou dreu. (Vous pouvez bien me le dire.)  

Es ist die Weiterentwicklung des lateinischen neutralen HOC, wurde aber heute vom burgundisch-regionalfranzösischen i verdrängt:

 je voudrais bien i savoir. (Taverdet: 666)

So scheinen die germanischen Superstrate auf die Struktur der Sprache weniger Einfluss ausgeübt zu haben, als auf die Phonetik. Definitiv germanisch ist jedoch die Determinans-Determinatumfolge, die man im Lothringischen findet, in den anderen Dialekten nur noch toponymisch erkennen kann: le sauvage cochon ‚das wilde Schwein/Wildschwein’(ebd.: 667).

3. Syntax

Am allerwenigsten ist die Syntax Ausdruck sprachlicher Besonderheiten der östlichen Dialekte der langue d’oïl. Festzustellen ist lediglich eine weniger normierte Satzstellung, wie beim burgundischen di mwè lu (dis-moi-le, anstatt hochfranzösisch: dis-le-moi)(Régnier: 140).

4. Lexikon

Die Wahl bestimmter Appelativa zur Benennung der Umwelt ist nach den phonetischen Charakteristika der ergiebigste Anhaltspunkt zur vergleichenden Sprachanalyse. Auch im lexikalischen Bereich kann man der Frage nachgehen, welche Neuerungen sich von der Hauptstadt aus etablieren konnten und welche nicht angenommen wurden, bzw. welche Lexeme aus dem Franzischen wegen Modeerscheinungen verschwanden und sich in den Dialekten erhielten. Die Zusammensetzung des franzischen Adjektivs maussade wird erst klar, wenn man ihm seine Grundform sada in der Variante der Bresse (südburgundisch) entgegenstellt. Wenn sada die Bedeutung ‚süß, angenehm’ trägt, ist die Semantik von maussade (< mal + sada) mit ‚düster, trist’ verständlich. Einen ähnlichen Fall von Konservatismus liefert der semantische Vergleich des Wortes abri im Wallonischen und in der Standardsprache: Wie ist es möglich, dass das wallonische ese à l’abri dè l’plaive ‚dem Regen ausgesetzt sein’, genau das Gegenteil bedeutet wie das Franzische être à l’abri de la pluie? Winkler spekuliert, dass der wallonischen Variante eine ursprünglichere semantische Übernahme des lateinischen APRICUM ‚der Sonne ausgesetzter Ort’ zugrunde liegt, während sich die französische Bedeutung erst in Umwegen ergibt: Ein Ort, der der Sonne ausgesetzt ist, ist geschützt vor Unwetter (Winkler: 20-22).

Im Bereich der neueren semantischen Wortbildung stellen die östlichen Dialekte der langue d’oïl in mehreren Fällen Ausnahmen dar, wie zum Beispiel einige konservative Sprachinseln des Burgungdischen, die entgegen dem Beispiel der Gesamtromania das Lexem für Sonne nicht vom lateinischen SOLE/SOLICULU (>frz. soleil) ableiten, sondern von chaud ‚heiß’ : le chaudot. Vergleichbar ist das lothringische Determinatum für ‚Maulwurf’: le fouillant, mit durchsichtigem Wortbildungsschema (< celui qui fouille/fouit; der, der wühlt/eingräbt) während wir im Franzischen la taupe, im Burgundischen aber den südfranzösischen Typ darbon (< DARBO) vorfnden (Taverdet: 667). Die östlichen Dialekte sind folglich nicht nur in ihrer Lautentwicklung, sondern auch lexikalisch in vielen Fällen enger mit ihren jeweils angrenzenden Sprachen verbunden, als mit dem Franzischen. Dies kann als distinktives Merkmal unter den Dialekten aufgefasst werden, finden wir doch im Burgundischen noch andere Beispiele der südfranzösischen Entwicklung, während das Champagnische mehr keltisch, das Lothringische und das Wallonische mehr germanisch beeinflusst sind.

Einen weiteren Bezug zu den Südfranzösischen Dialekten bildet die burgundische und teilweise lothringische Wahl des Determinatum verne anstatt des nordfranzösischen aulne; beide bezeichnen dieselbe Baumart, die Erle, während verne ein keltisches Substratetymon, aulne jedoch ein lateinisches Etymon zugrundeliegt (ebd.: 668). Im Wallonischen clon ‚Tierflanke’ ist ein lateinisches Etymon erhalten geblieben, das sich in keiner anderen romanischen Sprache weiterentwickelt hat: CLUNIS. Keltische Einflüsse im Wallonischen sind erkenntlich in den Substantiva dièle ‚Lehmart’ oder ancrawe ‚Lachs' (Germain/Pierret: 599).

Bourcelot zieht mit lexikalischen Dialektkarten eine horizontale Varietätengrenze zwischen einem keltisch-bretonisch geprägten Norden und einem südfranzösisch Einflüssen ausgesetzten Süden der Champagne. Er nennt die nördliche Variante il mousine für das hochfranzösisch und südchampagnisch gebrauchte il bruine ‚es nieselt’, oder glouilles/gloilles (Norden) und patouillas (Süden) mit der Bedeutung ‚Pfütze’ und der hochfranzösischen Form flaque d’eau (Bourcelot: 87). Im lothringischen Sprachgebiet reicht es schon, einen semantischen Bereich zu untersuchen um verschiedene Varianten germanischen Ursprungs eines Begriffes zu finden: Die Kartoffel wird von Dorf zu Dorf mal als crompire /krumperà/ < Grundbirne, mal als appel < Apfel , mal als /hertepflà/ < Erdapfel bezeichnet (Taverdet:667, Mechin: 68. Mechin vergleicht auf Seite 69 auch lothringische Tierbenennungen). Auch im Wallonischen machen die Germanismen wohl den größten Teil der Lehnwörter aus und sind aus deutscher Sicht leich verständlich: schief/schieve ‚schief’ oder ommegang ‚Festzug’(Bal: 123 und 96).

5. Typologische Besonderheiten

In einer innersprachlichen Gesamtbetrachtung des ostfranzösischen Varietätenraums müssen folgenden Beobachtungen festgehalten werden: Grundlegend ist das Bild eines dialektalen Fächers, dessen phonetische, morphologische und lexikalische Einzelmerkmale sich nur teilweise decken, das Gebiet aber weitgehend zu einem Kontinuum machen, wo Varietätengrenzen schwer zu ziehen sind. Generalisierungen sind daher wenig sinnvoll, nur die Verdichtung von Einzelbeispielen, besonders in einem kleinen, z.B. dörflichen Rahmen ist möglich. Phonetische Vergleichsstudien geben zu einem gewissen Grade Aufschluss über spezifische Charakteristika der einzelnen Dialekte, in sehr wenigen Fällen kann man aber „rein ostfranzösische“ sprachliche Eigenheiten nennen, wie zum Beispiel das Lothringische Imperfekt. Durch die gesamtfranzösische dialektale Abflachung, besonders im Bereich der langues d’oïl, und durch eine langjährige Vernachlässigung ihrer Dialekte seitens der Wissenschaft kann man das extremste Stadium des Systemunterschieds heute nicht mehr ermitteln und womöglich sind dabei die wichtigsten distinktiven Aspekte verlorengegangen. Auffallend ist jedoch auch heute noch der starke germanische Einfluss.

Externe Sprachanalyse

1. Externe Sprachgeschichte

Die Eroberung des nördlichen Teiles Frankreichs durch die Franken prägt das Sprachgebiet einschlägig und bewirkt in großem Maße die sprachliche Diversifizierung von der restlichen Romania. Man nimmt an, dass die „fränkische Militäroligarchie“ im östlichen domaine d’oïl, nahe ihres Heimatlandes, stärkeren Einfluss auch auf die unteren Bevölkerungsschichten ausüben konnte (Taverdet: 654). Dazu kommt, dass sich andere germanische Stämme, die Vasallen der Franken werden, in eben diesen Gebieten ansiedeln, zum Beispiel die Burgunden (Lefebvre: 262).

Den Meilenstein einer von Paris relativ unabhängigen Entwicklung bildet die Teilung des Frankenreiches durch den Vertrag von Verdun 843, der die Entstehung des Mittelreiches Lotharingen besiegelt und die Verschränkung der dort auffindbaren germanischen und romanischen Dialekte fördert. Zwar verändert sich das Gebilde relativ schnell, aber die betroffenen Gradfschaften und Herzogtümer sehen sich ständig im Einflussgebiet der beiden größeren Reiche im Westen wie im Osten (Leisering, Karte: 38-39). Durch eine Ausdehnung Frankreichs gen Osten wird die Champagne als erste der östlichen Provinzen 1284 dem Westreich einverleibt. 1477 verliert das Haus Burgund seine nördlichen Territorien und die habsburgische Niederlande entsteht. Sie beinhaltet das heutige Belgien. Der Zentralisierung und dem Machtgewinn Frankreichs verfallen das Herzogtum Burgund 1544, Lothringen 1766 und Elsass 1798 (Lefebvre: 263, Leisering, "Entwicklung der frz. Ostgrenze 1493 bis 1801": 81). In der Annektierungswelle im Zuge der französischen Revolution wird auch Belgien für zwei Jahrzehnte französisch, und erlangt durch die Belgische Revolution 1830 Unabhängigkeit.

Sprachlich prägend für das Lothringische fällt der Dreißigjährige Krieg im 17. Jahrhundert aus, da er viele Landstriche so verwüstet, dass zwischen den ursprünglich germanophonen oder frankophonen Gebieten enorme Umsiedlungsbewegungen und somit sprachliche Zerstückelung auf dörflichem Niveau stattfinden. Für alle langues d’oïl und wohl besonders für die östlichen bedeutet der erste Weltkrieg mit seinen Migrationen, Familienzerstreuungen und nationalen Umgestaltungen einen weiteren großen Einschnitt in die Ausübung der Dialekte (Richard: 172).

2. Wissenschaftliche Erfassung

Der Beginn der wallonischen Dialektforschung geht, nationalideologisch bedingt, der der Dialekte in Ostfrankreich zeitlich voraus. Bereits im 18. Jahrhundert, während der nationalen Unabhängigkeit, betreiben Amateurforscher enthusiastisch Dialektstudien und 1856 wird die „Gesellschaft für wallonische Sprache und Literatur“ (Société de langue et de littérature wallonnes) in Lüttich als Hauptkoordinatorin aller wallonischbasierten Forschungen gegründet. Schon in den 1920er Jahren kann sich Dialektologie als Disziplin an der lütticher Universität etablieren (Germain/Pierret: 600). Zwar publiziert Gilliéron 1902-1910 seinen gesamtfranzösischen Sprachatlas, gesondert regionale Studien, die im akademischen Kreis ernstgenommen wurden, und die Auffassung von untersuchbaren Unterheinheiten des Französischen, stellen sich in Frankreich erst definitiv nach dem zweiten Weltkrieg ein. So findet sich Varietätenforschung mittlerweile auch in Nancy und andernorts. Zuvor waren derlei Veröffentlichungen höchst ideologisch gefärbt und zielten auf das Idealbild eines unitären, gallischstämmigen Gesamtfrankreichs ab (Méchin zitiert im ersten Kapitel Werke, die den lothringischen Sprachkomplex zeigen).

Auf die Entstehung regionaler Sprachatlanten wurde bereits hingewiesen. Französische Forschungsansätze reichen heute von einer inventarisierend-deskriptiven Analyse, wie Le parler du Morvan von Rénier, bis zur historisch-soziologischen Grenzforschung von Richard (Géolinguistique lorraine à l’époque moderne). Auch mit schriftlichem dialektalen Erbe wird gearbeitet, besonders dort, wo man keine Sprecher mehr finden kann. So werden die Werke von Chrestien de Troyes als stark vom Franzischen beeinflusstes Champagnisch eingestuft (Lefebvre: 264). Der deutsche Beitrag von Winkler, schon aus dem Jahre 1871, zeigt zum einen die damals größere Offenheit Deutschlands für derlei Forschungen, zum andern betont er, was französischen Forschern später auch deutlich werden soll: Die Bedeutsamkeit der Dialekte zur Erklärung einer authentischen, nicht ideologischen Sprachentwicklung, die aus rein franzischer Sicht nicht mehr nachvollziehbar ist.

Bibliographie

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