Ambitransitiv

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Allgemeines

Die meisten Verben sind entweder transitiv (z.B. erkennen, mögen) oder intransitiv (z.B. ankommen, plaudern). Mit Hilfe von Hilfsverben, Affixen oder Stammalternationen kann ein Valenzreduktionsprozess (Antikausativ, Passiv) bei transitiven Verben und ein Valenzerhöhungsprozess (Kausativ, Applikativ) bei intransitiven Verben durchgeführt werden. Manche Verben können sowohl transitiv als auch intransitiv verwendet werden. Die Valenzalternation findet dann bei einem und demselbem Verb statt.

Definition

Nach Dixon/Aikhenvald (2000: 4) sind ambitransitive (labile) Verben sowohl transitiv wie auch intransitiv verwendbar. Bei der Ambitransitivalternation findet keine formale Veränderung statt. Die ambitransitiven Verben kommen meistens in Sprachen vor, die nur wenige Valenzveränderungsmorpheme haben. Die Verbvalenz entscheidet, was für ein Argument als S im intransitiven Satz auftreten darf.

Typen

Ambitransitive Verben können in zwei Subklassen unterteilt werden, abhängig davon, welches Argument des transitiven Satzes dem S-Argument im intransitiven Satz entspricht.

Der S=A-Typ

Verben des S=A-Typs bezeichnen allgemeine Aktivitäten ohne Zustandsveränderung des Patiens (wie lesen, backen, malen), typische Verhaltensweisen (wie schreiben) oder Fähigkeiten des Agens (wie beißen). Die Agensrolle ist dominanter als die Patiensrolle, deswegen ist das explizite Ausdrücken des Patiens in diesem Fall nicht notwendig.

Beispiel: Ich esse (eine Pizza).

Semantische Rolle A (P)
Syntaktische Funktion Subjekt (Objekt)

Der S=P-Typ

Verben des S=P-Typs bezeichnen eine spontane Zustandsveränderung des Patiens (wie brechen, beginnen, aufhören, schmelzen, etc.) in einem intransitiven Satz, die Rolle des Agens ist nicht vorhanden. In der Literatur werden S=P-ambitransitive Verben auch als unakkusativische Verben genannt. Die transitive Version drückt eine kausative Bedeutung, die intransitive Version eine inchoative Bedeutung, aus.

Beispiele: Ich hänge das Bild an die Wand. Das Bild hängt an der Wand.

Semantische Rolle P
Syntaktische Funktion Subjekt

In dem obigen Beispiel merkt man, dass das ambitransitive Verb "hängen" (aber nicht stehen-stellen, liegen-legen) in transitiver Verwendung einen Prozess, in intransitiver Verwendung einen Zustand ausdrückt. Die Unterschiede werden auch durch die Kasus der Präposition reflektiert.

Semantische Typen

Man kann auch die volgende semantische Typen innerhalb der labilen Verben unterscheiden (Letuchiy 2006):

1. kauzativ Ambitransitiv:

Olutec (Mixe):

0=jik-pa seme tuk
B3(ABS)=werden_schmutzig-INCOMPL very one
'Man wird sehr schmutzig'
?i=jik-pe kay+an
A3(ERG)=machen_schmutzig-INCOMPL food
'Er macht das Essen schmutzig'

2. reflexiv Ambitransitiv:

Khwarshi (Dagestanisch):

Da esanho
ich.ABS waschen.PRS
'Ich wasche mich'
De esanho litoaba
ich.ERG waschen.PRS hand.PL.ABS
'Ich wasche meine Hände'

3. reziprok Ambitransitiv

English:

John kissed Mary
We kissed(='We kissed one another')

4. stativ Ambitransitiv

Sanuma (Yanomam)

A titi-kö
SUBJ.INTR:3SG sein_innen-FOC
Sei innen!
A titi-kö
OBJ:3SG sein_innen-FOC
Leg es innen!

Unterschiede zwischen Sprachen

Comrie (2006) hat 31 Verben aus 24 Sprachen untersucht. Es gibt Sprachen, die viele ambitransitive Verben enthalten, wie Englisch (25), Griechisch (16,5), Deutsch (11,5), Französisch (7,5), Lezgisch (5). In manchen Sprachen ist kein ambitransitives Verb den untersuchten Verbbedeutungen vorhanden, wie Russisch, Türkisch, Mongolisch.

Beispiele

Englisch

Bezüglich der Verbvalenz ist Englisch relativ flexibel, und so gibt es im Englischen auch eine Menge von ambitransitiven Verben.

(1) I eat (food).
(2) He sank the ship. The ship sank.
(3) He built the house. *The house built.
(4) I read (a book). The book reads easily. *The book reads.
(5) I meet her. We meet in the street (each other). *We meet.

Satz (1) ist ein Beispiel für den S=A-Typ. Das Akkusativobjekt bei solchen Verben (wie essen und lesen) ist weglassbar, ohne dass die verbleibenden Satzreste ungrammatisch sind, weil es sich von selbst versteht, dass immer etwas da sein muss, was man isst und liest. Aber es ist nicht immer notwendig, mitzuteilen, was man isst oder liest, wenn vom Essen oder Lesen gesprochen wird. Beispiel (2) zeigt ein ambitransitives Verb des S=P-Typs. Das Verb mit transitiver Verwendung drückt eine aktive Handlung, das mit intransitiver Verwendung ein spontanes Geschehen aus. Das Geschehen des Hausbauens im Beispiel (3) kann nicht als spontan verstanden werden, deswegen handelt es sich hier nicht um ein S=P-ambitransitives Verb.

In Beispiel (4) kann das Verb "read" sowohl als S=A-Typ als auch als S=P-Typ verwendet werden. Aber als S=P-Typ ist ein Satz ohne modifizierendes Adverb ungrammatisch. Das Beispiel (5) zeigt, dass die intransive Verwendung eine reziproke Interpretation impliziert.

Außerdem sind im Englischen Verben mit Endung -ize ambitransitiv.

(6) We generalized the solution. The solution generalized.

Deutsch

(7) Ich kaufe (das Brot) ein.
(8a) Die Sprecherin begann ihren Vortrag. (8b) Der Vortrag begann.
(9a) Peter zerbrach das Fenster. (9b) Das Fenster zerbrach.
(9c) Peter hat das Fenster zerbrochen. (9d) Das Fenster ist zerbrochen.

Beispiel (7) gehört zum S=A-Typ. Die anderen sind vom S=P-Typ. Im Deutschen bildet man das Perfekt eines transitiven ambitransitiven Verbs mit "haben", das eines intransitiven ambitransitiven Verbs mit "sein".

Französisch

(11a) J’ai descend-u l’escalier
1SG AUX hinuntergehen-PTCP M Treppe
'Ich bin die Treppe hinuntergegangen.'
(11b) Je suis descend-u avec les déchet-s
1SG AUX hinuntergehen-PTCP mit PL Abfall-PL
'Ich bin mit den Abfällen hinuntergegangen.'
(12a) Il a tourn-é la tête
3SG.MASC AUX drehen-PTCP F Kopf
'Er hat seinen Kopf gedreht.'
(12b) Sa tête a tourn-é
3SG.F.POSS Kopf AUX drehen-PTCP
'Sein/Ihr Kopf hat sich gedreht.'

Im Französischen habe ich nur Beispiele für Bewegungsverben (wie descendre, monter, passer) gefunden. Eine Ähnlichkeit der Perfekt-Bildung, die aus verschiedenen Hilfsverben und dem Partizip Perfekt besteht, findet man zwischen Deutsch und Französisch.

Kéo

(Austronesisch, Van Staden/Reesink 2001)

(13a) ana paka koti (13b) imu ke paka mogha
Kinder spielen Kreisel 3SG DEM spielen auch
'Die Kinder spielen Kreisel.' 'Er spielt auch.'
(14a) ine aku ae (14b) ae negha aku
Mutter kochen Wasser Wasser schon kochen
'Die Mutter kocht Wasser.' 'Das Wasser ist gekocht.'

Russisch

(15) kuxarka pech-et (pirog)
Kochin.NOM backen-3SG.PRS Kuchen.ACC
'Die Kochin bäckt (einen Kuchen).'
(16a) on igra-et muzyk-u (16b) muzyk-a igra-et
3SG.NOM spielen-3SG.PRS Musik-ACC Musik-NOM spielen-3SG.PRS
'Er spielt Musik.' 'Die Musik spielt.'

Es ist zu bemerken, dass die beiden Verben in den Beispielen (15) und (16) nicht in der Liste der 31 Verben, die Comrie (2006) untersucht hat, enthalten sind.

Lesgisch

(Nachisch-Daghestanisch, Gadžiev 1954 in Haspelmath 1993)

(17a) ajal-di get'e-Ø xa-na (17b) Get'e-Ø xa-na
Kind-ERG Topf-ABS brechen-AOR Topf-ABS brechen-AOR
'Das Kind brach den Topf.' 'Der Topf brach.'

Chinesisch

(Sino-Tibetisch)

Im Mandarin-Chinesischen gibt es vier lexikalische Töne, die in diesem Text mit Hilfe von Zahlen dargestellt sind. (1-hoch, 2-steigend, 3-steigend-fallend, 4-fallend)

(18a) wo3 kai1 men2 (18b) men2 kai1-le (18c) *men2 kai1
1 öffnen Tür Tür öffnen-ASP Tür öffnen
'Ich öffne die Tür.' 'Die Tür ist geöffnet.' '*Die Tür öffnet.'
(19a) ni3 chi1-le fan4 (19b) ni3 chi1-le (19c) *ni3 chi1
2 essen-ASP Reis 2 essen-ASP 2 essen
'Du hast Reis gegessen.' 'Du hast gegessen.' *Du isst.'
(20) ta1 hen3 tan1 (qian2)
3 sehr gierig sein (Geld)
'Er/Sie ist gierig (nach Geld).'

Der S=A-Typ mit kausativer Bedeutung kann auch im klassischen Chinesischen gefunden werden.

Beispiel (Hong2men2yan4,206 v.Chr)

(21) Xiang4bo2 sha1 ren2, cheng2 huo2 zhi1.
Xiangbo töten Person Beamter leben PRON
'Xiangbo will eine Person töten, ich als Beamter lasse sie (die Person) leben.'

Beispiele aus anderen Sprachen

In manchen Sprachen ist entweder nur der S=A-Typ oder nur der S=P-Typ (Kham, Tschetschenisch) vorhanden.

Siehe auch

Ambitransitive verb (englischer Wörterbuchartikel)

Andere Sprachen

Literatur

  • Comrie, B. (2006). Transitivity pairs, markedness, and diachronic stability. In: Linguistics 44.2: 303-318.
  • Dixon, R.M.W./Aikhenvald, A. [eds] (2000). Changing valency: Case studies in transitivity. Cambridge: Cambridge University Press.
  • Haspelmath, M. (1993). More on the typology of inchoative/causative verb alternations. In: Comrie, B.& Polinsky, M. [eds], Causatives and transitivity. Studies in Language Companion Series 23. Amsterdam: Benjamins, 87–120.
  • Haspelmath, M. (1993). A Grammar of Lezgian. Berlin: Mouton de Gruyter. 289-293.
  • Letuchiy, A.B. (2006). Typology of labile verbs (in Russian). Ph.D. dissertation. Moscow: Russian State University for Humanities.
  • Vajda, E. (2005). Valence homonyms in English and other languages: A cross-linguistic comparison. 50th Conference of the International Linguistics Association, New York.
  • van Staden, M./Reesink, G. (2001). Questionnaire Clause Integration East Nusantara III. Third East Nusantara Conference. http://www.mpi.nl/world/E-Nusantara (Zugriff am 09.05.2006)