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Latest revision as of 20:09, 27 June 2008

Georg Philipp Harsdörffer wurde am 1.11.1607 in Fischbach (heute Nürnberg) geboren. Er nahm 1623 sein Studium an der Universität Altdorf (Nürnberg) auf, das er 1626 in Straßburg fortsetzte. Gegenstand seiner Studien waren Jura, Mathematik und Philologie. 1627 begab er sich auf eine 5 Jahre dauernde Bildungsreise nach Frankreich, Großbritannien und Italien, in die Niederlande und die Schweiz. 1630 verbrachte er ein Semester an der Universität Siena. 1633 kehrte er zurück, wurde 1637 in Nürnberg Assessor am Untergericht; 3 Jahre später wurde er ans Stadtgericht versetzt; ab 1655 Mitglied des Kleinen Rats. Neben diesen Tätigkeiten arbeitete er als Schriftsteller, Übersetzer und Wissenschaftler. Er ist einer der wichtigsten Autoren des Barock. 1641 wurde Harsdörffer von Fürst Ludwig I von Anhalt-Köthen in die Fruchtbringende Gesellschaft aufgenommen (Weimar, Köthen; Mitgliedsname: der Spielende); er war außerdem Mitglied der Teutschgesinnten Genossenschaft (Hamburg; Mitgliedsname: der Kunstspielende) und gründete zusammen mit Johannes Klay 1644 den Pegnesischen Blumenorden (Nürnberg; Pseudonym: Strephon).


Für die Quantitative Linguistik ist Harsdörffer von Bedeutung, weil er kombinatorische Ideen aufgriff und damit u.a. Gottfried Wilhelm Leibniz beeinflusste (Best 2005). Die Kombinatorik findet auf der Ebene der Buchstaben, Wörter und Verse Anwendung:


1. Harsdörffer stellt Überlegungen dazu an, wie viele Wörter man bilden kann, wenn das Alphabet 24 Buchstaben enthält und beruft sich dazu auf Lauremberg, Puteanus und Etten (Harsdörffer 1651/ 1990: 513-516; Harsdörffer 1653: 59f.), deren Angaben allerdings falsch sind; erst Leibniz hat die richtige Zahl berechnet (Knobloch 1973: 41-43; Zeller 1974: 172). Auf die Tradition kombinatorischen Denkens, in der Harsdörffer damit steht, wurde bereits in Best (22003; 2005) verwiesen. Darüber hinaus zitiert Rieger (1991: 185) Harsdörffers Überlegungen dazu, wie viele Silben man aus den Buchstaben des Alphabets bilden kann.

2. Fünffacher Denckring der Teútschen Sprache (Harsdörffer 1651: 517). Dies ist eine Wortbildungsmaschine, bei der „264 sprachliche Einheiten (Präfixe, Suffixe, Buchstaben und Silben) auf fünf Scheiben verteilt werden, um per Kombinatorik ... deutsche Wörter zu erzeu¬gen, auch inexistente, die zu poetisch-kreativen Zwecken benutzt werden könnten“ (Eco 1997: 148f.). Ausführlicher befasst sich Hundt (2000: 281ff.) mit dem Denkring; er gibt in Fußnote 135 (S. 285) an, dass man damit 101606400 Wörter bilden könne und würdigt ihn so: „Der ‚fünffache Denckring‘ erfüllt einerseits den Zweck, alle Wortbildungs- und Denkmöglichkeiten, die in der deutschen Sprache enthalten sind, mechanisch reproduzierbar zu machen. Er hat damit eine sprach- und erkenntniskonstitutive Funktion. Andererseits kann auch ein praktisches Arbeitsmittel für den Spracharbeiter sein, der Reimwörter sucht. Neben die Generierung der Semantik tritt damit das mechanische Auffinden lautähnlicher Ausdrucksseiten“ (Hundt 2000: 284). Bezogen auf Leibniz‘ Berechnung der Wortbildungsmöglichkeiten mit Hilfe des Denkrings bestimmt Rieger (1991: 190) dieses Verfahren als charakteristisch und wesentlich für diese Zeit: „Quantitative Bestandaufnahmen wie diese gehören nebst den im¬mer wiederkehrenden Strategien der Zerstückelung und Kombination zum Programm barocker Sprachanalyse.“ Dencker (2002: 425) weist aber darauf hin, dass solche „Drehscheiben, Sprach- und Lesemaschinen“ zu Harsdörffers Zeiten bereits eine längere Tradition aufweisen und bis in die Gegenwart Nachfolger gefunden haben. Zeller (1974: 169) sieht in kombinatorischen Bestrebungen zur Bildung von Wörtern gar einen Vorläufer moderner Sprach¬theorie: „Die Sprachauffassung, die sich hier zeigt, findet sich bei Humboldt wieder, der seinerseits auf die moderne Sprachbetrachtung der generativen Grammatik eingewirkt hat.“

3. Proteusverse. Gardt (1994: 219) stellt diese Dichtform so vor: „Proteusverse sind Verse, in denen sich die Wörter zu immer neuen Sinnkombinationen umstellen lassen, Ziel ist eine mög¬lichst hohe Zahl von Kombinationen.“


In Harsdörffer (1648-53, Teil I: 51f.) wird folgendes Beispiel gegeben:

„Auf Angst/ Noht/ Leid/ Haß/ Schmach/ Spott/ Krieg/
Sturm/ Furcht/ Streit/ Müh‘/ und Fleiß
folgt Lust/ Raht/ Trost/ Gũst/ Ruhm/ Lob/
Sieg/ Ruh/ Muth/ Nutz/ Lohn/ und Preiß.“


(Anm.: „Müh‘“ in hier modernisierter Schreibweise.)


Enzensberger (2002: 11; 23, Anm. 7; vgl. Harsdörffer 1653: 60) nennt und kommentiert das Beispiel:

„Ehr, Kunst, Geld, Guth, Lob, Waib und Kind,
Man hat, sucht, fehlt, hofft und verschwindt.“


Das Prinzip besteht darin, einsilbige Wörter zu wählen, die man nach Belieben permutieren kann, um immer wieder neue Verse zu erhalten, wobei in diesem Fall „und“ sowie die Reimwörter ihre Position wahren müssen. Dieses Beispiel hat auch Leibniz aufgegriffen (Best 2005). Ein besonders langes Gedicht dieser Art ist Quirinus Kuhlmanns Der XLI. Libes-kuß (Dencker 2002: 76-80). (Zu den genannten und weiteren Beispielen vg. auch Zeller 1974: 174-177.)


Harsdörffer steht in einer Tradition kombinatorischen Denkens, die von der Antike bis in die Gegenwart reicht und für linguistische, mathematische, poetische, philosophische und theologische Vorstellungen Bedeutung hat.


Literatur

  • Best, K.-H.. ²2003. Quantitative Linguistik. Eine Annäherung. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage. Göttingen: Peust & Gutschmidt.
  • Best, K.-H.. 2005. Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716). Glottometrics 9. 80-83.
  • Dencker, K. P. (Hrsg.). 2002. Poetische Sprachspiele. Vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Stuttgart: Reclam.
  • Eco, U.. 1997. Die Suche nach der vollkommenen Sprache. München: dtv.
  • Gardt, A.. 1994. Sprachreflexion in Barock und Frühaufklärung. Entwürfe von Böhme bis Leibniz. Berlin/ New York: de Gruyter.
  • Harsdörffer, G. P.. 1648-53; Reprint 1969. Poetischer Trichter. Reprografischer Nachdruck der Original-Ausgabe Nürnberg 1648-1653. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft.
  • Harsdörffer, G. P.. 1651; Reprint 1990. Delitiae Mathematicae et Physicae. Der Mathematischen und Philosophischen Erquickstunden Zweyter Teil. Neudruck der Ausgabe Nürnberg 1651, hrsg. und eingeleitet von Jörg Jochen Berns. Frankfurt: Keip Verlag.
  • Harsdörffer, G. P.. 1653; Reprint 1990. Delitiae Mathematicae et Physicae. Der Philosophischen und Mathematischen Erquickstunden Dritter Teil. Neudruck der Ausgabe Nürnberg 1653, hrsg. und eingeleitet von Jörg Jochen Berns. Frankfurt: Keip Verlag.
  • Hundt, M.. 2000. „Spracharbeit“ im 17. Jahrhundert. Studien zu Georg Philipp Harsdörffer, Justus Georg Schottelius und Christian Gueintz. Berlin/ New York: de Gruyter.
  • Knobloch, E.. 1973. Die mathematischen Studien von G. W. Leibniz zur Kombinatorik. Auf Grund fast ausschließlich handschriftlicher Aufzeichnungen dargelegt und kommentiert. Wiesbaden: Franz Steiner Verlag.
  • Rieger, S.. 1991. Nachwort. In: Schottelius, Justus Georg. Der schreckliche Sprachkrieg. Horrendum Bellum Grammaticale Teutonum antiquissimorum. Leipzig: Reclam, 181-205.
  • Zeller, R.. 1974. Spiel und Konversation im Barock. Untersuchungen zu Harsdörffers „Gesprächsspielen“. Berlin/ New York: de Gruyter.


Quelle

Karl-Heinz Best: Georg Philipp Harsdörffer (1607-1658). Glottometrics 9, 2005, 75-89