Belebtheit

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Belebtheit

Belebtheit (Synonym: Animat; lat. animatus = belebt) gilt als eine nominale Subkategorie zur Differenzierung zwischen belebten, menschlichen Denotationen (Menschen, Tiere) und anderen unbelebten Referenzen (Gegenstände). Diese Unterscheidung ist unter anderem wichtig bei der Pronominawahl im Deutschen („wer/was“), zur Flexion in den slawischen Sprachen, in einigen Bantusprachen zur Nominalklasseneinteilung sowie als strukturgebendes Ergativelement bei Splitsprachen[1].

Belebtheitshierarchie

Zifonun[2] betont, es sei Aufgabe der Sprachtypologie Daten bereitzustellen, um Belebtheit nicht ausschließlich als lexikoninternes Element darzustellen, sondern als universal-grammatisches Strukturprinzip von natürlichen Sprachen. Dabei lässt sich feststellen, dass es sprachübergreifend eine Korrelation zwischen Belebtheit und Numerus zu geben scheint: „Dies kann bedeuten, dass Appellativa und Pronomina, die Belebtes denotieren bzw. die zur Referenz auf Belebtes verwendet werden, einen Plural bilden, während Appellativa, die Unbelebtes denotieren, keine Numerusunterscheidung aufweisen (…)“[2]. Daraus ließe sich ableiten, dass wenn Appellativa mit nicht- belebter Denotation einen Numeruskontrast aufweisen, auch Pronomina und Nomina mit belebter Referenz einen Numeruskontrast zeigen. Aus diesen Konditionalzusammenhängen lässt sich auf Silverstein berufend eine Belebtheitshierarchie herausarbeiten. Diese hat Silverstein als mögliche Universalie durch das Zusammentragen verschiedener einzelsprachlicher postuliert und gilt bis dato als eine häufig rezitierte Quelle[3]:

      1st, 2nd pers. pronouns > 3rd pers. pronoun > proper name 
      > human common noun > non-human animate common noun > inanimate common noun

Corbett[4] erweiterte diese Hierarchie (extended animacy hierarchy):

      speaker > addressee > 3rd person > kin > human > animate > inanimate

Nach Silverstein und Corbett sind also Pronomina der ersten Person, bzw. auf den Sprecher verweisende Lexeme belebter als Hörer, Tiere oder aber Gegenstände. Ein wichtiges Element dieser Belebtheitshierarchien ist die Salienz. Aus semantischer Sicht ist es nicht ersichtlich, warum in einem Gespräch mit zwei Personen unterschiedliche Belebtheitsgrade angenommen werden können. Denn durch den Umstand, dass ein Gespräch überhaupt stattfinden kann, ist der Beweis einer biologischen Belebtheit aller Aktanten bereits dargelegt worden. Dennoch ordnet ein Sprecher sich selbst eine höhere Belebtheit zu als seinem Hörer. Der Belebtheitshierarchie folgend werden grammatische Phänomene wie die syntaktische Stellung von Agens und Patiens nach ihrem Rang innerhalb der Belebtheitshierarchie zugewiesen. So ist es beispielsweise im Deutschen üblich, das belebte Agens als Subjekt topikalisiert voranzustellen.[5] Neben dem semantischen Kern von Belebtheit, die nach Dahl[6] in bei jeglichen Genus- und Nominalklassenzuweisung zum Tragen kommt, spielt Egophorizität eine entscheidende Rolle. Kognitiv-linguistisch betrachtet ist es nicht verwunderlich, dass der Sprecher sich auf Grundlage seiner eigenen Wahrnehmung eine salientere Bedeutung zukommen lässt als seinem Gesprächspartner.

Split-Systeme

Neben der syntaktischen Konstituentenstellung spielt Belebtheit ebenso bei so genannten Split-Systemen eine entscheidende Rolle. Belebtheit ist in diesen Fällen ein Element, welches beim Wechsel von Akkusativ- zu Ergativsystemen von Bedeutung ist. Ein sprachliches Beispiel ist das Dyirbal[7]: Hierbei werden Pronomen der 1. und 2. Person in transitiven und intransitiven Sätzen akkusativisch markiert:

      (1) ɲana		banaga-ɲu.
          wir. 1.Pl. 	komm. zurück- NONFUT
          ‘Wir kamen zurück.’
      (2) ɲana		ɲurra-na	bura-n.
          wir. 1.Pl. 	ihr- AKK. 2.Pl	seh- NONFUT
          ‘Wir sahen euch.’
      (3) ɲurra 	banaga-ɲu
          ihr. 2.Pl. 	komm. zurück- NONFUT
          ‘Ihr kamt zurück.’
      (4) ɲurra        ɲana-na         bura-n.
          ihr. 2.Pl.   uns- AKK 1.Pl.  seh- NONFUT
          ‘Ihr saht uns.’

Andere Pronomina oder volle Nomina hingegen werden durch das Ergativsystem markiert:

      (5) ɲuma	       banaga-ɲu
          Vater        kommt.zurück- NONFUT
          ‘Der Vater kam zurück’
      (6) Uma	   yabu-ɲgu	  bura-n.
          Vater    Mutter- ERG	  seh- NONFUT
          ‘Die Mutter sah den Vater’

Er wird also deutlich, dass in Splitsprachen der Wechsel von Akkusativ- zu Ergatiysystemen strikten Regeln folgt: Werden Pronomina der 1. Und 2. Person verwendet, müssen diese numerusunabhängig akkusativisch markiert werden. Anders verhält es sich mit davon abweichenden Nomina wie Pronomen der 3. Person oder Eigennamen. Diese werden mit dem Ergativ versehen. In einigen Fällen ist es möglich Akkusativ- und Ergativsysteme innerhalb einer syntaktischen Struktur zu kombinieren. Hierbei ist es nötig eine Äußerung zu konstruieren, in der ein Pronomen der 1. oder 2. Person zusammen mit einer anderen Nominalphrase, zum Beispiel einem Eigennamen, auftritt[7]:

      (7) yabu-ɲgu	 ɲurra-na	bura-n.
          Mutter- ERG 	 euch- AKK 	seh- NONFUT
          ‘Mutter sah euch.’

Als Begründung für den Wechsel in Split-Systemen entlang der Belebtheitshierarchie führt Krifka[7] auf, dass in Akkusativ-Systemen der unmarkierte Kasus, der Nominativ, das Agens des transitiven Satzes markiert. In Ergativ-Systemen hingegen zeigt der unmarkierte Kasus, Absolutiv, den Patiens des transitiven Satzes an. Belebte Nomina sind häufiger Agens als Patiens, daher ist es markiertheitstheoretisch nachvollziehbar es in diesen Fällen akkusativisch zu realisieren. Unbelebte Nomina sind überwiegend im Patiensgebrauch, weshalb es weniger Markierung braucht in diesen Fällen den Ergativ zu verwenden. Auch Pronomina verweisen nach Krifka überwiegend auf Personen, nicht auf Dinge. Personen stehen in der Belebtheitshierarchie über Gegenständen, sind folglich belebter, weshalb es hier angebracht ist auf den Akkusativ zurückzugreifen. An den aufgeführten Beispielen aus der Split-Sprache Dyirbal ist erkennbar geworden, dass Belebtheit kein rein auf das Lexikon beschränktes linguistisches Element ist. Belebtheit nimmt eine wichtige syntaktische Funktion ein kann unter anderem über die Pronimina- oder Kasuswahl entscheiden.

Verweise

  1. Bußmann 2008:44
  2. 2.0 2.1 Zifonun 2001
  3. Silverstein 1976
  4. Corbett 2000
  5. Grewe et al. 2006
  6. Dahl 2008:144
  7. 7.0 7.1 7.2 Krifka

Literaturverzeichnis